Ich habe herausgefunden, daß guter Geschmack komischerweise eine wichtige Rolle spielt in der Politik. Warum? Der wahrscheinlichste Grund ist, daß guter Geschmack ein sichtbarer Ausdruck menschlicher Sensibilität ist gegenüber der Welt, der Umgebung, den Menschen. Ich kam in dieses Schloß (den Hradschin) und in andere Regierungssitze, die der Kommunismus hinterlassen hat, und stand geschmacklosen Einrichtungen und Bildern gegenüber. Und erst da wurde mir klar, wie nah der schlechte Geschmack der früheren Regierenden der schlechten Ausübung ihres Amtes war.

Václav Havel, zurückgetretener Präsident der Tschechoslowakei, in einem Interview mit "Time". Wir drucken diese Sätze und schauen uns, nicht ohne Betroffenheit, um in unseren Amtsstuben und auch zu Hause.

Sport ist schön ist Mord

Sport ist Doping, Sponsorengeschäft, Kindesmißhandlung – kurz: Mord. Aber eigentlich ist Sport doch schön, oder? Sport, das sind ein paar junge Leute, die sonntags im Park Volleyball spielen. Oder – noch schöner – im Verein. Deshalb wirbt der Deutsche Sportbund seit einiger Zeit mit einer bunten Plakatserie für den sog. Breitensport (im Gegensatz zum sog. Leistungssport – Olympia, Doping, Kindesmißhandlung etc.). Unter den Worten "Sport ist im Verein am schönsten" bekennen sich fröhliche Menschen zu ihrem Turnverein. Jetzt gibt es ein neues Motiv dieser Serie: Zwei blondgelockte, blauäugige Kinder haben bei einem Frankfurter Sportverein einen neuen Freund gefunden. Bloß das Motto hat sich auf verwirrende Weise verändert: "Sport mit Aussiedlern", heißt es da jetzt, "– im Verein am schönsten". Wie sollen wir das verstehen? Vielleicht so: 1. Aussiedler sind Menschen wie du und ich (also blonde, blauäugige, reinrassig deutsche Kinder). 2. Die mit den Bartstoppeln und schmierigen schwarzen Haaren (oder der lustigen kaffeebraunen Haut) sind die anderen, die Asylanten! Nix guttü 3. Sport mit Aussiedlern ist im Verein am schönsten – und im Park eher nicht so schön. Mit Asylanten dagegen sollte man – wenn überhaupt – lieber im Park Sport treiben. Oder besser gleich gar nicht. Nein, Sport ist kein Mord, sondern aktive Völkerverständigung – in Maßen, versteht sich. Und Sport mit Aussiedlern ist erst recht kein Mord, sondern schön. Andere wieder finden Mord an Asylanten im Verein am schönsten, aber das geht den Deutschen Sportbund natürlich nichts an. Er sollte uns lieber erklären, warum er bisher zur Frauen- und Müllmännerfrage geschwiegen hat. Wo ist Sport mit bosnischen Flüchtlingen am schönsten, wo mit Sportfunktionären? Wir warten auf Antwort!

Martern aller Arten

Im deutschen Sommertheater findet das deutsche Theater endlich wieder zu sich selber. Hier (und nur hier!) ist es noch ganz heißblütig, ganz frisch, ganz unverdorben – von keiner ästhetischen Anstrengung entstellt, von keiner ideologischen Niedertracht vergiftet. Unser Entzücken über das allsommerliche Theatertreiben fand jetzt neue Nahrung durch eine kleine dpa-Meldung, die wir im Folgenden freudig zitieren möchten:

Eutin (dpa) – Star beim Galaabend der Sommerspiele in Eutin (Schleswig-Holstein) war am Donnerstag der Sänger Gunther Emmerlich. Vor mehr als 2000 begeisterten Besuchern zog der Baß von der Dresdener Semperoper bei einem Querschnitt durch die Opernliteratur alle Register. Bei der Ansage von Osmins zynischem Lied "Oh, wie will ich triumphieren, wenn wir euch zum Richtplatz führen und die Hälse schnüren zu" aus Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" merkte Festspielintendant Siegfried Grote an, daß Emmerlich diesen Titel "aus aktuellem Anlaß" besonders gern singe – die Ironie galt dem verhafteten Erich Honecker.

Begeistert über diesen Humor-Volltreffer, möchten wir uns dem Bassisten Emmerlich, dem Intendanten Grote sowie den mehr als 2000 Eutiner Sommergästen beigesellen – und ergänzend daran erinnern, wie sich der Herrr Osmin (Beruf etwa: Hausmeister) und seine deutschen Nachfahren ein "rechtsstaatliches Verfahren" im Fall Honecker wohl ungefähr vorstellen. Erster Aufzug, dritter Auftritt, Allegro assai: "Erst geköpft, dann gehangen / dann gespießt auf heißen Stangen / dann verbrannt, dann gebunden / und getaucht, zuletzt geschunden."