Diese Schweine! So blitzsauber, so rosig, so lieb, und in ihren pfiffigen Gesichtern blitzt der Schalk, wenn sie tun, was der Berliner Maler Michael Sowa auf seinen Gemälden mit ihnen anstellt. Die "Autobahnsau" fliegt mit Karacho um die Kurve, daß es eine Wonne ist; auf Telegraphendrähten und im Baum gegenüber geschieht, was ein Spitz auf der Straße verwundert betrachtet: "Zugschweine sammeln sich"; Und erst "Köhlers Schwein": Seitab von einer Ente im gestreiften Bademantel beobachtet, hechtet es, elegant gestreckt, in einen Teich – was für ein komisches Idyll! Nur auf einem Bild ist ein Schwein so, wie es die Menschen in der Umgangssprache gebrauchen: Dreckschwein, Drecksau – ein "Suppenschwein". Daumengroß, aber voll entwickelt, ein Schelm, steht es in einer graubraunen Suppe, offensichtlich innehaltend, weil es sich vom Maler ertappt weiß: auf Tellerrand, Tischdecke, Löffel und Serviette Suppenflecke vom Plantschen.

Über fünf Dutzend solcher Bilder aus der Werkstatt dieses so auffallend altmeisterlich malenden Malers hängen im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, eine faszinierende Versammlung sonderbarer Szenen, lauter "erfundene Landschaften, inszenierte Bühnen". Nein, "keine Themen für die Ewigkeit", sagt Sowa, und wer wisse schon, ob die Bilder nicht, sobald sie trocken sind, albern oder gar peinlich erschienen.

Keine Angst, peinlich ist keines dieser kleinen Bilder oder dieser ein mal anderthalb Meter großen Schinken, aber drastisch, albern sind viele. Allesamt sind sie von einer gemütserfrischenden, geisterhaften Komik. Und noch im Erschrecken rumort das Gelächter. Das verdanken sie nicht nur dem Witz, der in ihnen steckt oder lauert, sondern auch der handwerklichen Akribie, mit der diese Karikaturengemälde gemalt sind, Pinselstrich für Pinselstrich, das Laub, die Stämme, die Halme, das Gras und die Federn, die Fenster und die Dächer, die Haare und die Häute, sogar die Furze – und erst das aufgewühlte, dräuende Meer und die Wellen, die ein tückisches Licht zum Blitzen bringt, der unheilschwangere Himmel und die winzige Kreatur, die in Booten aufgebrochen ist zu waghalsigen Exkursionen. Wunderliche Rätsel: ein Gorilla, der, dem Wink eines Mädchens folgend, immer weiter hinaus aufs schäumende Meer rudert. Und wunderliche Enthüllungen: Im Schlepptau der Arche Noahs ein Schlauchboot mit unseren versunkenen Sauriern.

Überhaupt ist es die Komik, die Sowa mit dem Unheimlichen treibt, daß einen, wenn’s nicht so ulkig wäre, eigentlich nach der Gänsehaut verlangte, zum Beispiel: wenn auf leergefegten Straßen eine Riesenschnecke die "Stadt in Angst" versetzt; wenn der bärengroße, bärenstarke Osterhase Vater und Tochter verfolgt, ein riesengroßes blaues Ei im Auge; wenn eine Familie "Im Wald" vor einem sehr großen Schild verharrt, das vor Insekten warnt, "so groß wie Turnhallen", oder eine Tafelrunde entsetzt und tuschelnd (und ein Köter zähnefletschend) auf etwas starrt.

Die garstigsten schönen Gemälde sind Portraits von Frauen, Männern, Paaren und Gruppen, Fratzen schneidend, das Weiß in den Glupschaugen stechend, und fast immer ist ein Tier dabei, Pfau, Fisch, Motte, Hase oder Hund. Die unheimlichsten komischen Bilder wiederum handeln von alten Usancen der DDR, von Denunziation, Grenzkontrolle und vom tristen Tschingderassabum.

Das ist auch der Moment, da diese Spielart der Komik ihre Rubrik findet: die der Karikatur mit surrealen Zügen, die sich in Acryl mitteilt. Man fühlt sich nicht nur (wie Robert Gernhardt in seinem klugen, sympathischen Katalog-Essay) an Ruisdael und Magritte erinnert oder an die Maler der Romantik, sondern auch an Topor. Nur ist Sowas Humor nicht wirklich finster, sondern zum Lachen – man kann auch amüsiert sinnieren. Was schleudern die Hühner aus dem sicheren Verschlag dem Hahne auf dem Hof entgegen? "Eins, zwei, drei: H-ü-h-n-e-r-f-i-c-k-e-r!" Also auch da, sagt der Titel, "Das Ende einer Ende Epoche". Und was tut der König, mit Hermelin und Zackenkrone im Sessel ruhend? Er schaut selig schmunzelnd zur Seite auf seinen PC. Nun darf man raten, was ihn vergnügt: das Regierungsgeschäft per Tastendruck oder ein Fußballspiel. Oder – in der Fernseh-Reihe der "Tausend Bilder" – Michael Sowas Gemälde mit dem Titel "König". (Wilhelm-Busch-Museum bis 28. August; Katalogbuch 44 Mark) Manfred Sack