So ist es ja nun nicht, daß wir hinter dem Mond lebten, obwohl wir uns das altersmäßig durchaus leisten könnten. Immerhin haben wir inzwischen verschiedene Geräte erworben, die gemeinhin zu den Errungenschaften moderner Technik zählen. Außerdem hat uns die Bank dieser Tage dankenswerterweise eine Geheimnummer aufgenötigt, mit der wir uns mittels Scheckkarte jederzeit und an jedem Ort mit Barem versorgen können. Ist das etwa nichts? Das gibt uns doch direkt was Weltmännisches, Internationales?

Von wegen, Schnee von gestern, wie wir jetzt wissen. Ein großes amerikanisches Kreditkartenunternehmen hat uns gnadenlos vor Augen geführt, welch arme Würstchen wir sind, wenn wir uns schon auf unsere Euroscheckkarte etwas einbilden. Jene Firma nämlich hat sich zur Aufgabe gemacht, die Insel Sylt in ein bargeldloses Paradies zu verwandeln. Überall auf diesem Eiland der sogenannten Reichen und Schönen soll der Kreditkarteninhaber künftig mit seinem guten Namen zahlen können. Beim Fahrrad- oder beim Bootsverleiher zum Beispiel, beim Taxifahrer, für die Sauerstoffbäder im Kurmittelhaus und in Hotels, Restaurants und Läden sowieso.

Für uns heißt das: umdenken, und zwar schnellstens. Das verlängerte Wochenende auf Sylt ist schon geplant, und mit unserer vorsintflutlichen Bezahlungsart werden wir dort wohl künftig nicht mehr landen können. Fix, wie wir sind, überlegen wir, daß so eine Kreditkarte ja vielleicht auch Vorteile bringt, weil endlich Schluß ist mit dem umständlichen Gefummel beim Scheckausstellen und dem peinlichen Kugelschreiberausleihen bei genervten Verkäuferinnen. Nicht zu verachten schließlich die Imageaufwertung. Die Mitgliedschaft bei einem Kreditkartenunternehmen macht natürlich mehr her als die im Turnerbund. Also werden auch wir, das steht sozusagen fest, in Zukunft allerorten mit dem Kärtchen wedeln.

Dem Bademeister halten wir’s vor die Nase und dem Badearzt, dem Surflehrer und dem Tennistrainer und ebenso dem Bratwurstverkäufer an der Imbißbude. Von wegen, dem nicht. An Currywurst- und Softeisbuden nimmt man, vorerst wenigstens, kein Plastikgeld. Für derartige Einkäufe müssen wir, empfiehlt das Kreditkartenunternehmen, nach wie vor Kleingeld dabeihaben.

Ehrlich gesagt: Das befremdet etwas. Wenn schon, denn schon, dachten wir und hatten uns nach all diesen Versprechungen schon darauf gefreut, endlich mal ohne Geldbeutel an den Strand zu gehen, bar jeder Sorge, bestohlen zu werden. Nun taucht zwangsläufig die Frage auf: Wie zahlen wir den Strandkorbvermieter? Oder den Mann im Häuschen an der Promenade, der die Kurtaxe für den Strandbesuch einbehält? Akzeptieren diese Leute womöglich auch keine Kreditkarten? Oder, wenn ja, müssen sie am Ende ins nächstgelegene Hotel stürzen, das eines dieser Stempelgeräte besitzt, um dort die typische Handbewegung zu machen? Und die Schlange an der Kasse wird derweil immer länger?

Egal. Wir wollen nicht pingelig sein. Vermutlich gibt’s diese Lücken im System im nächsten Jahr ohnehin nicht mehr, und auch der letzte fliegende Händler auf Sylt ist bis dahin mit dem nötigen Equipment versorgt. Und solange bleiben wir eben bei unserem guten alten Bargeld respektive Scheckformular.

Obwohl es natürlich etwas gibt, mit dem man uns ganz leicht rumkriegen könnte. Wenn wir nämlich an dieser schicken Werbeaktion besagter Kartenfirma teilnehmen dürften, so wie Hajo Friedrichs oder Hanna Schygulla, Michael Stich oder Sophia Loren. Dann freilich würden wir mit fliegenden Fahnen überlaufen. Wunderbar, die Vorstellung: ein ganzseitiges Photo von uns im Hochglanzmagazin, mit Weichzeichner aufgenommen und mit folgendem Text versehen: Mitglied seit 1992: Brigitte Wolter