Nun ist ein Leben verloschen, dessen Flammen viele Jahrzehnte lang warm und lodernd für unser Land gebrannt haben. Lilo Milchsack, die Begründerin der Deutsch-Englischen Gesellschaft, ist in ihrem 87. Lebensjahr in der vorigen Woche in Düsseldorf gestorben.

Als junges Mädchen war sie viel in England gewesen und hatte dort die Freiheit und geistige Unabhängigkeit einer offenen Gesellschaft kennengelernt. Um so schmerzlicher empfand sie dann die Enge des gleichgeschalteten Lebens daheim. Mag sein, daß die instinktive Ablehnung alles Nationalistischen den Grundstein für ihr späteres Lebenswerk gelegt hat.

Ihr großes Anliegen war es gewesen, die Beziehung zwischen Engländern und Deutschen zu normalisieren, aus erbitterten Feinden verläßliche Freunde zu machen. Nach dem verheerenden Krieg, der das britische Imperium in die Auflösung getrieben und Deutschland in Trümmer gelegt hatte, war das eine schwere Aufgabe.

Wer die erste deutsch-englische Konferenz in Königswinter im Jahre 1950 und die vielen folgenden – teils am Rhein, teils in Cambridge – mitgemacht hat, der erinnert sich sehr wohl daran, wie vieles wir von den Engländern gelernt haben. Es war ein langer Weg von der Isolation in die liberale Welt.

Damals waren es Lilo Milchsack und der unvergessene Robert Birley, Berater der britischen Militärregierung in Erziehungsfragen, die gemeinsam diesen Lernprozeß und die ihn begleitenden, oft heftigen Auseinandersetzungen zu einem großen Vergnügen werden ließen.

Von beiden Seiten nahmen Mitglieder des Establishments teil – Politiker, Industrielle, Gewerkschaftler, Akademiker, Journalisten. Jeder, der nicht eingeladen wurde, war traurig, denn bei der Deutsch-Englischen Gesellschaft war es immer anregend, auch lustig. Mit wie vielen Teilnehmern hat man da in verschiedenen Gruppen diskutiert oder abends beim Glas Wein zusammengesessen und sich angefreundet, die später Minister und Prime Minister oder Bundespräsidenten wurden.

Das besondere Königswinter-Klima, das wärmende Gefühl, sich im Kreis von Freunden zu befinden, um über die großen Probleme der Zeit nachzudenken, das war einfach faszinierend. Daß dies möglich war, daß es von Jahr zu Jahr wichtiger erschien und daß die Beziehungen tatsächlich immer enger wurden, war Lilo Milchsack zu danken, die sich die Deutsch-Englische Gesellschaft zu. ihrer Lebensaufgabe gemacht hat. Während des ganzen Jahres überlegte sie, welches Thema am dringendsten sei und wer eingeladen werden müsse. Wie ein Gärtner pflegte sie ihren Wundergarten, die Rosen mit der gleichen Liebe wie die stacheligen Kakteen.