Von Rebekka Habermas

In Pritzwalk, einem kleinen Ort im Kurfürstentum Brandenburg, kommt 1640 Friedrich Wegener zur Welt. Im gleichen Jahre wurde in Frankfurt Salomon Herz Low Oppenheim geboren. Kurz darauf konnte die Geburt Dodos (II.) zu Inn- und Knyphausen bekanntgegeben werden. Wenige Jahre zuvor war in Kassel Andreas Cleyer getauft worden. Auf das Jahr 1647 wird die Geburt von Maria Sibylla Merian datiert. Fünf Kinder erblicken das Licht einer Welt, die gezeichnet ist von den verheerenden Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges: Verwüstete, oft menschenleere Ortschaften und die Erinnerung an am eigenen Leibe erfahrene oder vom Hörensagen bekannte Greueltaten prägten das Lebensgefühl noch lange, nachdem die letzten Truppen abgezogen waren. Und doch wird es just diese während der letzten Jahre des Krieges geborene Generation sein, die entscheidende Veränderungen herbeiführt, begleitet oder auch nur miterlebt. Zu Lebzeiten dieser Frauen und Männer werden große Fortschritte in den Künsten und Wissenschaften gemacht, werden erste Ansätze zu neuen Verwaltungs- und Regierungsformen sichtbar, und wirtschaftlich wird mit dem Verlagssystem der erste Schritt in den Kapitalismus getan.

Dieses Kapitel deutscher Geschichte ebenso lehrreich wie anschaulich rekonstruiert zu haben ist das große Verdienst des heute über achtzig Jahre alten Sozial- und Wirtschaftshistorikers Wilhelm Treue. Trat Treue in den dreißiger Jahren erstmals mit einer großangelegten Kulturgeschichte hervor und wurde er nach dem Krieg durch zahlreiche Studien zur Wirtschafts- und Technikgeschichte bekannt, so scheint sich mit seinem soeben erschienenen Buch "Eine Frau, drei Männer und eine Kunstfigur. Barocke Lebensläufe" der Bogen seines Œuvres zu schließen: Die hier versammelten biographischen Skizzen sind nämlich keine Historiengemälde bedeutsamer historischer Gestalten; diese Lebensläufe – so außergewöhnlich sie auch sind – dienen vielmehr dazu, die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des alltäglichen Lebens im 17. Jahrhundert plastisch darzustellen.

Geboren als Sohn eines Tuchmachers, lernte der kleine Friedrich Wegener – eine im übrigen von Treue erfundene Figur – in der Schule nur das Allernötigste: ein bißchen Lesen, ein wenig Schreiben, Grundkenntnisse der Mathematik, natürlich die Gebote Gottes. Er begann eine Lehre im väterlichen Betrieb, trat danach seine Gesellenwanderung an, die ihn bis nach Venedig führte. Dort machte er die Bekanntschaft weitgereister Kaufleute, die mit Garnen aus aller Welt handelten.

Wieder in der Heimatstadt, legte Wegener sein Meisterstück ab. Nach dem Tod des Vaters übernahm der Sohn gemäß den Gepflogenheiten der Zeit die väterliche Tuchmacherwerkstatt. Wenig später heiratete er die Schmiedtochter Treue, die sich nicht nur um das leibliche und seelische Wohl von Gatte und Kindern, sondern auch um Ernährung und Lebenswandel von Lehrlingen und Gesellen kümmern mußte – dies um so wachsamer, als Wegener alsbald schon immer häufiger auf Reisen war. Zusammen mit dem aus Wien geflüchteten Leinenkaufmann Gold begann er nämlich ein regelrechtes Tuchimperium aufzubauen. Statt wie noch sein Vater zu Hause die heimische Wolle zu verarbeiten und dann im nahen Umkreis zu verkaufen, vergab er Arbeit an Heimarbeiter. Er selbst bereiste alle Märkte auch der ferneren Umgebung, um seine Produkte zu verkaufen. So war aus einem Handwerker ein Fabrikant oder, wie es in der Sprache der Zeit hieß, ein Verleger geworden.

Hatte Wegener, trotz aller nach wie vor starken Bindungen an die Gewohnheiten der Väter und die strengen Vorschriften der Zunft, entscheidenden Anteil am Entstehen neuer Wirtschaftsformen, so lernte der kleine Oppenheim schon im Kindesalter, daß er als Jude immer auf der Hut sein mußte und nie zuviel wagen durfte. Geboren und großgeworden in der Frankfurter Judengasse, reiste Salomon Herz Low Oppenheim, nachdem er eine solide Schulbildung in Schreiben und auch Rechnen erhalten hatte, mit seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmann, bis weit in den Süden. Da es für den Kaufmannsstand keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg gab, ersetzten diese Reisen die im Handwerk übliche Lehrzeit. Im Unterschied zu den christlichen Kaufleuten waren jüdischen Geschäftsleuten jedoch enge Grenzen gesetzt, mußten sie stets mit Pogromen rechnen, mußten sie fürchten, daß der Kaiser den Schutz, den er den Juden gewehrte, aufhob, daß Christen, unter welchem Vorwand auch immer, höhere Zölle verlangten oder gar den Handel der Juden ganz verboten.

Die Welt des Salomon Oppenheim war trotz seiner außerordentlich weitläufigen familiären Beziehungen, die bis nach Böhmen reichten, klein und stets bedroht. Vielleicht war es diese Enge, die den jungen Oppenheim schließlich dazu bewog, sein Elternhaus schon mit fünfzehn Jahren zu verlassen, um sich einer der vagabundierenden Banden anzuschließen, die in der frühen Neuzeit überaus zahlreich insbesondere in den Wäldern nahe den Hauptverkehrsachsen ihr Dasein fristeten. Nachdem er jedoch erfahren mußte, daß es mit der sagenumwobenen Ehre dieser Banditen nicht sehr weit her war, kehrte er zurück in die Judengasse. Sein Vater schickte ihn zu Verwandten nach Wien. Von dort unternahm der junge Oppenheim ausgedehnte Handelsreisen durch Mähren, Böhmen und Polen und stellte erstmals seine kaufmännischen Fähigkeiten unter Beweis.