Von Matthias Naß

New York

Wladimir Petrowski kennt keine Hektik. Der 59 Jahre alte Russe, der die Politische Abteilung im UN-Hauptquartier leitet, wahrt auch an Tagen wie diesem die Ruhe, an denen seine Sekretärin alle paar Minuten am Bildschirm seinen Terminkalender aktualisiert. Gerade hat das Erscheinen des chinesischen Botschafters – eines wichtigen Mannes, nicht nur weil sein Land in diesem Monat den Vorsitz im Sicherheitsrat hat – das kurze Gespräch abrupt beendet, das zuvor schon durch einen Anruf von Generalsekretär Butros-Ghali unterbrochen worden war. Können wir uns auf morgen vertagen, bittet Petrowski um Nachsicht. Die Sekretärin findet eine Lücke am frühen Vormittag.

In den fünf Monaten auf seinem neuen Posten hat der frühere stellvertretende Außenminister der Sowjetunion, wie er berichtet, nur drei freie Wochenenden gehabt. Als junger Diplomat begann Petrowski 1957 seine Laufbahn in der ständigen Mission. Moskaus bei den Vereinten Nationen. Von 1964 bis 1971 arbeitete er im UN-Sekretariat. Damals, im Kalten Krieg, habe jeder nur die Interessen und den Einfluß des eigenen Landes im Auge gehabt. Ganz anders heute: "Zum ersten Mal arbeiten wir als Team zusammen."

Der Dienstherr von Wladimir Petrowski war fast drei Jahrzehnte lang Andrej Gromyko, jener "Mr. Njet", dessen Starrsinn zum zweifelhaften Gütezeichen der gelähmten Weltorganisation wurde. Mit 279. Vetos blockierten Ost und West einander. Inzwischen ist jene Konfrontation Geschichte. Der letzte Großmacht-Einspruch datiert vom 31. Mai 1990. "Das Veto", sagt einer, der am Runden Tische des Sicherheitsrates dabeisitzt, "ist aus der Mode gekommen."

Heute üben sich die Ratsmitglieder im täglichen Krisenmanagement. "Wir arbeiten extrem eng zusammen", sagt ein Botschafter, "und ich denke, in den meisten Fällen auch ziemlich effektiv." Aber auch er hat in jüngster Zeit einen Stimmungsumschwung registriert, eine wohl unausbleibliche Ernüchterung, nachdem die in die Jahre und aus der Form gekommene Weltorganisation eine Renaissance erlebte: "In diesem Jahr 1992 entdecken wir die Grenzen dessen, was auch die neuen Vereinten Nationen zu bewirken vermögen."

Die Herausforderung ist zur Überforderung geworden. In den Turbulenzen nach dem Ende des Kalten Krieges sorgen die Weltpolizisten von einst nicht mehr für Ordnung, erweisen sich die Regionalgendarmen wie etwa die KSZE als (noch) zu schwach – mit der Folge, daß alle Kriege, Krisen und Konflikte an der Türschwelle der Uno abgeladen werden.