Von Martin Haspelmath

Europa gilt als Kontinent der vielen Sprachen. Hier werden, großzügig gerechnet, etwa 120 Sprachen gesprochen. Das mag als große Zahl erscheinen, in Wirklichkeit aber sind es nur zwei Prozent der Sprachen der Welt. Ungefähr 6000 verschiedene Sprachen gibt es auf dem Globus – aber die Zahl nimmt ab.

Jeder weiß mittlerweile, daß die Artenvielfalt in Flora und Fauna von unserer Zivilisation bedroht wird. Daß es um die sprachliche Vielfalt ebenso schlecht steht, hat auch die linguistische Fachwelt kaum zur Kenntnis genommen. Jedes Jahr sterben Dutzende von Sprachen aus, und mit jeder verschwundenen Sprache, die nicht schriftlich aufgezeichnet wurde, verlischt eine jahrhundertealte Tradition für immer. Meistens stirbt mit der Sprache eine reiche mündliche Literatur und eine in Generationen geformte Weltsicht.

Ungewöhnlich ist es nicht, daß Sprachen verschwinden. Die Sprachen der Etrusker, der Goten, der Akkader, der alten Ägypter und der Phönizier sind ausgestorben, obwohl sie in mächtigen Reichen gesprochen wurden. Aber das Massensterben von Sprachen in der Gegenwart, besonders in Amerika, Asien und Ozeanien, hat in der Geschichte keine Parallele. Schätzungsweise ein Drittel aller Sprachen werden von der nachwachsenden Generation nicht mehr erlernt und sind damit zum Aussterben innerhalb der nächsten Jahrzehnte verurteilt. Biologen haben oft die Möglichkeiten, eine bedrohte Pflanzen- oder Tierart zu retten. Für aussterbende Sprachen aber gibt es kaum eine Chance. Die einzige Ausnahme ist das Hebräische, das jahrhundertelang nur als Schriftsprache existierte und von den Zionisten als Umgangssprache wiederbelebt wurde.

Die tiefere Ursache für das Sprachensterben ist – genau wie beim Artensterben – der unaufhaltsame Fortschritt der technischen Zivilisation, die immer mehr auch in entlegene Gegenden der Welt vordringt und die traditionelle Lebensweise der Menschen radikal verändert. Wenn sich die Lebensbedingungen ändern, passen sich kleinere Volksgruppen dem Druck der Mehrheitsgesellschaft an. Die meisten der 6000 Sprachen werden in kleinen Gruppen gesprochen – von weniger als 5000 Menschen, oft nur von einigen hundert. In Australien und Neuguinea etwa waren solche kleinen Sprachgruppen jahrtausendelang die Norm. Jeder Stamm hat seine eigene Sprache, und oft wird eine Sprache nur in einem Dorf gesprochen. Diese Menschen waren immer mehrsprachig; sie kannten die Sprachen der wichtigsten Nachbarstämme – bei der Reichweite ihres Lebensraumes war das ausreichend. Die Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten der heutigen Zeit ändern diese Bedingungen grundlegend.

Für die Wissenschaft aber ist das Sprachensterben ein großer Verlust. Die historische Linguistik ist auf jede einzelne Sprache angewiesen, um die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Sprachfamilien rekonstruieren zu können. Ein Beispiel: Die historischen Verbindungen innerhalb der großen austronesischen Sprachgruppe, zu der etwa das Indonesische, die philippinischen Sprachen, das Maori und das Hawaiianische gehören, sind umstritten, aber man weiß, daß die Sprachen einiger Hochlandstämme auf Taiwan der Schlüssel dafür sind. Doch diese Stämme bedienen sich immer mehr des Chinesischen, und ihre Sprachen werden womöglich aussterben, bevor sie hinreichend dokumentiert sind.

Aber nicht nur die historische Sprachwissenschaft braucht die Daten kleiner, aussterbender Sprachen. Auch die theoretische Linguistik, die allgemeine Strukturen der Sprache zu finden sucht, ist auf eine möglichst große Vielfalt von typologisch verschiedenen Sprachen angewiesen. In den letzten beiden Jahrzehnten wurde zum Beispiel die Frage nach der Universalität des grammatischen Subjekts debattiert, die potentielle Rückwirkungen auf philosophische und psychologische Fragestellungen hat. In diesen syntaxtheoretischen Diskussionen spielt die australische Sprache Dyirbal eine wichtige Rolle. Ihre Syntax weicht von der europäischen Vorstellung eines grammatischen Subjekts in einer Weise ab, die vorher kaum für möglich gehalten wurde. Das Dyirbal wurde in den sechziger Jahren beschrieben, als es noch etwa ein Dutzend Sprecher hatte. Inzwischen ist es praktisch ausgestorben.