Von Wolfgang Kraushaar

Als sich am 31. Juli 1949 in Heidelberg zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Republik wieder die Vertreter der jüdischen Gemeinden Deutschlands treffen, erklärt der designierte amerikanische Hochkommissar John McCloy, die Einstellung der Deutschen zu den Juden stelle die "Feuerprobe der deutschen Demokratie" dar. Dieser Test findet bereits zwei Tage später statt:

Unter der Überschrift "Judenfrage als Prüfstein" kommentiert Wilhelm E. Süskind in der Süddeutschen Zeitung den Auftritt McCloys. Obwohl sich der Mitverfasser des Klassikers "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" vom Antisemitismus distanziert, ist sein Text doch nicht frei von antijüdischen Ressentiments. Sie richten sich vor allem gegen die jüdischen Displaced persons (DPs) in der Münchner Möhlstraße, überlebende NS-Opfer, die sich von dort um eine Auswanderung nach Israel oder Amerika bemühen. Süskind erhielt zu seinem Kommentar viele Leserbriefe, auch offen antisemitische.

Als die Tageszeitung eine Woche später auch das Hetzschreiben eines angeblichen "Adolf Bleibtreu" veröffentlicht, werden wütende Proteste laut. In dem nur auszugsweise abgedruckten Brief heißt es an die Adresse der Juden gewandt: "Geht doch nach Amerika, aber dort können sie Euch auch nicht gebrauchen, sie haben genug von diesen Blutsaugern. Ich bin beim Ami beschäftigt, und da haben verschiedene schon gesagt, daß sie uns alles verzeihen, nur das eine nicht, und das ist: daß wir nicht alle vergast haben, denn jetzt beglücken sie Amerika ..."

Nur einen Tag darauf, am 10. August, es sind noch vier Tage bis zu den ersten Bundestagswahlen, ziehen 3000 Demonstranten, vor allem jüdische DPs, von der Möhlstraße aus zum Redaktionsgebäude der Süddeutschen Zeitung. Sie wollen dort eine Protestresolution abgeben. Doch dazu kommt es nicht. Eine Kette uniformierter Polizisten stellt sich ihnen entgegen. Auf die Aufforderung, ihren Demonstrationszug aufzulösen, reagieren die Protestierenden mit Steinwürfen.

Als nun die Polizisten mit Gummiknüppeln gegen sie vorgehen, entwickelt sich eine Straßenschlacht. Einer der Beamten greift zu seiner Dienstwaffe und gibt mehrere Schüsse ab, von denen jedoch niemand getroffen wird. Die Demonstranten bemalen die Kühlerhaube eines Mannschaftswagens mit einem Hakenkreuz und zünden ihn an. Erst der herbeieilenden amerikanischen Militärpolizei gelingt es, die erbitterten Auseinandersetzungen zu stoppen. Auf beiden Seiten beklagt man eine Reihe von Verletzten.

Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinden, Philipp Auerbach, erstattet wegen des abgedruckten Leserbriefs Strafanzeige gegen die Süddeutsche Zeitung. Begründung: "Aufhetzung der Öffentlichkeit". Das Blatt wird später von dem Vorwurf freigesprochen, antisemitische Drohungen verbreitet zu haben. In der Urteilsbegründung heißt es, die Redaktion habe nur zeigen wollen, wie verbreitet der Antisemitismus in der Gegenwart immer noch sei.