Was haben wir nicht die letzten vierzehn Tage geheult! Die Äuglein und die Tüchlein wurden ja überhaupt nicht mehr trocken!

Was passiert ist? Oma gestorben, Auto kaputt? Ach nä, bloß Olympia geguckt, dies aber vom ersten Atemzug bis zum letzten, bis uns der schöne Dieter Kürten oder der noch schönere Waldi Hartmann ins Bett geplaudert hatte.

Bei diesen Olympischen Spielen von Barcelona wurde so mancher Weltrekord gebrochen – auch der im Schniefen, Schluchzen, Flennen, Heulen. Daß die Verlierer ihr Augenwasser ließen, überrascht und interessiert uns nicht. Aber das Weinen der Sieger, das hat uns gepackt, mitgerissen, über alle Ufer geschwemmt. Denn wenn einer heult, dann heulen wir mit, so war es bei uns schon in den Windeln. Alles haben wir mannhaft und tränenlos ertragen, die Prügel der Väter, das Gezänk der Mütter, die Niedertracht der Geschwister. Doch wenn einer heulte, dann heulten wir mit, dann heulen wir noch heute. Damit das klar ist.

Trotzdem mahnen wir (damit’s nach diesem Feuilleton nicht wieder Tränen gibt!) mit aller Macht zur Vorsicht: Wenn einer heult, dann ist er noch lange nicht im Recht, dann hat er noch nicht mal tiefere Gefühle als der trockene, nichtweinende Zeitgenosse.

In Barcelona zum Beispiel weinte Dagmar Hase, die kraftvolle Schwimmerin, zuerst maßvoll auf dem Siegertreppchen, dann entfesselt im Fernsehstudio. Es weinte aber auch Gwen Torrence, die sehnige Sprinterin. Und da wird die feuchte Affäre kompliziert – denn wenn wir es recht verstanden, weinte Frl. Hase um eine Doping-Freundin, Mrs. Torrence hingegen aus Siegerglück und aus Wut gegen die gedopte Konkurrenz. Das eine waren also gewissermaßen anabolische, das andere antianabolische Tränen – ans Herz und an die Nieren gegangen sind uns beide weinenden Sportsfrauen gleichermaßen.

Conclusio, erstens: Männer weinen wenig. Zwar weint der berühmteste aller Deutschen, Herr Heinrich Faust ("Die Erde quillt, die Träne hat mich wieder"), aber all sein Geheule hält ihn dann nicht von den scheußlichsten Schandtaten ab. Vorsicht also vor Männertränen!

Zweitens: Mädchen heulen ständig. Auf zweimal Pipimachen kommt einmal Weinen, das etwa ist ihr Biorhythmus. Merke: Wer immer heult, dem glaubt man nicht, und wenn ihm auch das Herze bricht.