Von Hans Schuh

Um den Bau der größten Maschine der Menschheitsgeschichte ist in den Vereinigten Staaten eine heftige Diskussion entbrannt. Das "Superprojekt" heißt Superconducting Supercollider (SSC) und besteht aus einer ringförmigen Anlage mit 84 Kilometer Umfang. In ihr wollen die Physiker Bausteine von Atomkernen wie in einem Karussell beschleunigen und dann aufeinanderprallen lassen, um in den Trümmern der Kollisionen nach bisher unbekannten Elementarteilchen zu fahnden. Doch dieses Mekka der Physik erscheint vielen Politikern als zu teuer. Das bevorstehende Gezerre um das Projekt dürfte ein Lehrstück abgeben dafür, wie Milliarden in den Sand gesetzt werden, wenn in der Grundlagenforschung politisches Konkurrenzdenken über vernünftige Kooperation dominiert.

Die Amerikaner haben nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie mit dem SSC ihre Konkurrenten beim europäischen Kernforschungszentrum (Cern) in Genf von der Spitzenposition in der Hochenergiephysik verdrängen wollen. Deshalb verfolgen Wissenschaftler in aller Welt mit Spannung den Wettlauf – und mit einer Gänsehaut. Denn üblicherweise arbeiten die Physiker bei aller wissenschaftlichen Konkurrenz international hervorragend zusammen. Um so peinlicher empfinden es viele von ihnen, daß jetzt ein Rückfall in unproduktive Rivalität droht, weil sich die Supermacht USA bei ihrem Prestigeobjekt SSC übernommen hat. Mit einem harschen Ausdruck aus der Cowboysprache ("bullshit") kommentierte ein amerikanischer Experte ein Schreiben vom Cern an US-Politiker, der SSC ergänze sich sinnvoll mit dessen Plänen. Dahinter steckte neben der Bemühung um Frieden in der Physiker-Lobby auch die Furcht, es könnte erneut diskutiert werden, daß eine der beiden geplanten Anlagen überflüssig sei.

Pikanterweise erwarten die Amerikaner zur Rettung ihrer Pläne einen Milliardenzuschuß aus Japan. Doch obwohl sie in der Rolle der Bittsteller sind, springen die US-Politiker zum Entsetzen ihrer eigenen Wissenschaftler mit den Japanern nach alter Großmachtmanier um und prügeln im Wahlkampf munter auf den fernöstlichen Handelsrivalen ein.

Dabei wäre der SSC durchaus noch zu stoppen, auch wenn bereits über eine Milliarde Dollar ausgegeben worden ist. Denn außer Bergen von Blaupausen und ersten Aushubarbeiten am Bauplatz gibt es noch nicht viel vorzuzeigen, die meisten Kosten stehen noch aus. Insgesamt 8,25 Milliarden Dollar soll der SSC bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 1999 kosten. Ein Team von zweitausend Wissenschaftlern arbeitet zur Zeit daran, die Riesenmaschine mitten in der texanischen Prärie, bei dem kleinen Nest Waxahachie dreißig Kilometer südlich von Dallas, zu errichten.

Mit dem Ringbeschleuniger wollen die Physiker eine Art Urknall en miniature erzeugen. Am Ort der Kollisionen sollen schlachtschiffgroße Nachweisgeräte (Detektoren) nach bisher unbekannten, aber theoretisch vorhergesagten Elementarteilchen suchen helfen. Von deren Entdeckung versprechen sich die Physiker grundlegende neue Erkenntnisse über den Aufbau des Kosmos und seine Entstehung. Sie suchen zum Beispiel die sagenumwobenen Higgs-Teilchen, die für die Bindung zwischen Materie und Schwerefeldern sorgen, also gewissermaßen für die Entstehung von Masse verantwortlich sind.

Doch am 17. Juni beschloß das US-Repräsentantenhaus nach einer hitzigen Debatte über das gewaltige amerikanische Haushaltsdefizit mit 231 gegen 182 Stimmen, den SSC ersatzlos zu streichen. Der Zufall wollte es, daß er rasch nach der brisanten Wirtschaftsdebatte zur Beratung anstand, und schon sauste das Fallbeil. SSC-Befürworter hatten das Unheil kommen sehen und deshalb in letzter Minute einen Rettungsversuch begonnen. Zwei Abgeordnete versuchten vor der Abstimmung die SSC-Gegner mit der Aussicht zu besänftigen, daß ein namhafter Geldbetrag aus dem Ausland kommen werde. Sie zimmerten ein Junktim: Wenn im Juni 1993 nicht mindestens 650 Millionen Dollar an ausländischen Beiträgen gesichert seien, könne dem SSC der Geldhahn abgedreht werden. Verhandlungen mit Japan, für die sich George Bush persönlich eingesetzt hatte, waren vielversprechend verlaufen. Das SSC-Budget sollte vorläufig genehmigt und später verabschiedet werden, sobald die Auslandsbeteiligung vertraglich abgemacht war. Dieses Junktim fand auch eine Mehrheit – aber dann kippte das ganze SSC-Budget.