Der Bankschmied, die Maultasche und der Mauerbrecher – Seite 1

Von Hans-Joachim Müller

Wir sind an der Ampel vorschriftsmäßig bis zur Kontaktschleife vorgefahren. Haben klaglos die Umleitung durch die Robert-Leicht-Straße hingenommen. Und freuten uns also herzlich auf den Erstbesuch in Sindelfingen.

Drei Rathäuser sind uns versprochen. Marmorne Zebrastreifen. Mehr Arbeitsplätze als Mitbürger. Die schönste Tiefgarage Deutschlands. Warum sind wir noch nie in der schönsten Tiefgarage Deutschlands gewesen? Weil wir so lange auf den politischen Willen zur Ausbildung einer "stärkeren kulturellen Identität" warten mußten. Jetzt endlich gibt es den Verein "KulturRegion Stuttgart", der seit der widerrufenen Olympia-Bewerbung des späthschwäbischen Großsiedlungsraums überschüssige Planungsenergien umlenkt. Erster Tätigkeitsnachweis: das Skulpturenprojekt "Platzverführung".

Der Mann am Auskunftsschalter weiß von nichts. Auch die Dame im Informationsbüro muß sehr bedauern. Von einer Kunstaktion in Sindelfingen sei nichts bekannt. Besser bekannt das gastronomische Kunststück namens Maultasche, die der Stadtprospekt geschmälzt und in der Brühe anbietet. Ansonsten zeigt sich die Stadt mit dem legendären Steueraufkommen ziemlich kunstfrei, jedenfalls neukunstfrei. Harald Klingelhöller arbeitet noch an der Kennzeichnung der "Öffentlichkeitsbildenden Elemente des Ortes und der Rede als einer plastischen Form". Da wollen wir ihn nicht stören.

Achtzehn Klein- und Kleinststädte rund um Stuttgart haben sich an der Sirenenkomposition "Platzverführung" beteiligt. Gemeinsam mit der Einladung zur documenta und zur Eröffnung der neuen Bonner Museen war der Ruf ins Süddeutsche ergangen. Hatte doch kein Geringerer als Rudi Fuchs, documenta-Macher Nr. 7, das Mandat zur vorsätzlichen Kunstbeglückung der bis dato eher kunstfernen Agglomeration bekommen. Zwei Jahre habe er an dem Auftrag gearbeitet, "zurückgezogen und ohne große Worte". Dann sollte sich der Segen seiner wohlsortierten Adreßkartei erweisen. Eine ganze Anzahl der vielbeschäftigten, uns von allen Groß-Ausstellungen des letzten Jahrzehnts wohlbekannten künstlerischen Führungskräfte waren für die Maultaschen-Diaspora zu gewinnen.

Wie Ditzingen zählen lernte

Nehmen wir das Beispiel Ditzingen. Ditzingen ist Mitglied im Verein "KulturRegion Stuttgart". Ditzingen hat pünktlich den Vereinsbeitrag überwiesen. Ditzingen hat also ein Anrecht auf einen international erfahrenen, des Schwäbischen garantiert ohnmächtigen Künstler. Und tatsächlich, eines Tages ward Lawrence Weiner in Ditzingen gesehen. Und sie haben ihm vom mittelalterlichen Weinruf des Dorfes erzählt und von den zweieinhalbtausend Litern Marke Trollinger, die benachbarte Klosterfrauen einst alle Jahre geordert haben. Und der Künstler krauelte sich den raschelnden Bart. Und manche wollen ein halb verstecktes Lachen entdeckt haben. Und der Künstler nahm sein ganzes Deutsch zusammen und schrieb auf eine Bodenplatte "Eine Kartoffel" und auf eine andere "Zwei Kartoffeln" und auf eine dritte "Drei Kartoffeln" und versah eine Bodenplatte mit einem &-Zeichen und eine letzte mit der Aufschrift "(mehr)". Und niemand wird sich wundern, daß die Ditzinger seither zählen können. Und kein Mensch braucht sich zu wundern, daß kein Mensch in Ditzingen von der bodenbündig eingelassenen internationalen Kunst jemals etwas bemerkt haben will.

Der Bankschmied, die Maultasche und der Mauerbrecher – Seite 2

Nun wollen wir wahrheitsgemäß berichten, daß uns die "Platzverführung" auf manch artige Plätze geführt hat. Daß wir der bezwingenden Kraft der geschmälzten Maultasche zuletzt doch erlegen sind. Daß wir das Ausstellungsbuch mit landeskundlichem Gewinn studiert haben. Wer weiß nun schon außer uns, daß in Fellbach bereits 1775 "das vorzeitige Auslaufen der Weiber aus der Kirche" beklagt werden mußte? Die künstlerische Ausbeute unserer Dienstreise hingegen nimmt sich etwas magerer aus. Berichten wir also ebenso wahrheitsgemäß, daß das verführerische Volumen der Platzkunst vielfach enttäuscht hat. Sei es, daß die Kunst, verführerisches Volumen hin oder her, nicht am Platz war, am Platz nicht auffindbar war, sei es, daß sie vom Platz schon wieder entfernt war.

In Stuttgart war das so. Wir auf dem Schöttleplatz. Die Sommersonne über uns. Der Dekokies unter uns. Man muß sich das vorstellen: ewig auf Kunstsuche, aber noch nie auf dem Schöttleplatz in Stuttgart! Kein Bruchstein soll uns zu gering sein, um ihn auf Kunstverdacht zu untersuchen. Nichts. Hier muß aber Kunst sein. Hier hat Günther Förg nachweislich an der Stärkung der kulturellen Identität gearbeitet. Die Sommersonne noch immer über uns. Die Bedienung im nahen Restaurant schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Gestern seien da noch zwei Bänke gestanden, eingefaßt von Reihen niederer Zäune. Förgsche Bänke, Förgsche Zäune. Wo sind sie heute? Fiat mundus, pereat ars. Kehliges Entsetzen im Stuttgarter Kulturamt: "Ha no, machet mi net schwach...!"

Aus Daniel Burens Plänen für die verkehrstechnische Siedezone vor und neben der Stuttgarter Staatsgalerie wird wohl nichts werden. Zu teuer. Schwäbisch Gmünd und Jannis Kounellis sind sich noch nicht einig. Jörg Immendorfs Plastik für Leonberg ist rasch beschädigt worden und wird derzeit restauriert. Donald Judds hölzernes Architekturmodell vor dem Rathaus in Gerlingen wird demnächst an natürlicher Materialermüdung verenden. Georg Herolds Schriftbänder auf dem Sepp-Herberger-Weg in Fellbach bedürften dringender Farbauffrischung, um Joggern und Langsamläufern daselbst den Genuß am philosophischen Zwiegespräch zwischen Ernst Bloch und Gabriel Marcel zu erhalten. Schwer leserlich, weil immer neuen Graffiti-Attacken ausgeliefert, auch Joseph Kosuths Musil-Zitate in zwei Esslinger Unterführungen. Und Sol Le Witts Mauern und Architekturzitate im Gemeinde-Quartett Ostfildern scheinen eine besonders brachiale Form des Bildersturms zu provozieren. Mittlerweile bringen die Kunstächter nicht mehr nur Spraydosen, sondern schwere Vorschlaghämmer mit.

Nun wollen wir solche Bubenstücke aufs strengste tadeln und für die Kunst zumindest jene Unversehrtheit reklamieren, die auch, den schwarzlackierten Limousinen gilt, die wir im Berichtsraum als vornehmsten Bürgerbesitz kennengelernt haben. Aber vielleicht zeigt sich ja im kruden Protest eine generationenalte, wir möchten sagen abgeschmälzte Widerborstigkeit gegen den Verführungsfaktor Kunst, die eben auch mit staatlichen Identitätsprogrammen, mit einem Zweimillionenetat und angeworbener Künstlerprominenz so ohne weiteres nicht zu brechen ist. Zumal wenn sich herausstellt, daß die Platzverführung doch von unterschiedlichem Belang und Intensität ist. Warum zum Beispiel ist Per Kirkebys Göppinger Klinkerstein-Kippfigur zwischen Bildhauerei und Architektur bis heute respektiert und unangetastet geblieben? Oder ganz im Osten, in Aalen, Luciano Fabro mit seinem "Porto di Venere". Dem Spiel der Flußwellen um die nackten Marmorblöcke schauen die Leute zu. Einer stillen Sensation, eingängig wie das Vorabendprogramm im Fernsehen, nur viel schöner. In der Halle des Alten Rathauses in Waiblingen bleibt niemand stehen. Niele Toroni hat, was hätten wir anderes erwartet, wieder einmal seine Pinselabdrücke in regelmäßigen Abständen von dreißig Zentimetern hinterlassen. Die sind zwar ebenso eingängig wie das Vorabendprogramm im Fernsehen, aber halt doch noch langweiliger.

Das Echte ist net ächt

In Geislingen, es war schon Abend geworden, wollten wir sehen, wie Mario Merz die Leute mit einem Ensemble stählerner Tische und Bänke aus ihren Häuschen lockt. Wir warteten geduldig, aber die Leute blieben lieber in ihren Häuschen. Weil nämlich drinnen auf den Bänken Kissen liegen und auf den Tischen Tischtücher. Und weil wir schließlich nicht in Italien sind, sondern in Geislingen, wo ehrbare Bürger ihren Hausrat nicht einfach auf die Straße schleppen. Und schon gar nicht wegen ein paar Tischen und Bänken aus Stahl, die den Katalogautor an die "geschwungenen, tanzenden Linien" gemahnen, "die van Goghs Zypressen in einen unendlichen Himmel zeichnen".

Der Himmel ist hier nicht unendlich. Das ist es. Hier ist alles auf eine schnöde Art konkret, bemessen und gänzlich zypressenfrei. Künstler, die das nicht einkalkulieren, müssen scheitern. Und scheitern müssen ihre Agenten, die noch mit offenmäuliger Dankbarkeit rechnen, wenn sie den Leuten Weltkunst ins wuchernde Dorf stellen. Und ein bißchen beleidigt sind, wenn das Großgeld internationaler Reputation nicht gleich in Zahlung genommen wird. Zugegeben, wo der Fußgänger auf Marmorintarsien über die Straße geleitet wird, und ästhetische Maximen sich im avancierten Tiefgaragenbau erfüllen, hat es die Kunst nicht leicht, ihre alte Zuständigkeit in Fragen des Luxus und der Moden weiter zu behaupten. Welche Gegenposition wollte sie noch besetzen, wo das Geschmeidige und das Sperrige, das Verträgliche und das Unzumutbare harmonisch im alltäglichen Zeichenvorrat aufgegangen sind? Welche Augen wollte sie öffnen, die nicht irreparabel mediengetrübt sind? Welche Sinne reizen, die die 35-Stunden-Woche des spätmodernen Sozialisationstyps nicht müde gereizt hat? Womit wollte sie auffallen, mit welchen Mitteln noch die Schaubegierde erregen, die nicht schon durchschaut, als vernutzt und entkräftet sind? Welche Öffentlichkeit kann Kunst im sogenannten öffentlichen Raum beanspruchen, wo die Kategorie der Öffentlichkeit durch lauter veröffentlichte Intimität ersetzt scheint? Wir wissen es auch nicht. Wir wissen nur: Eine Chance bleibt der Kunst dort, wo sie sehr genau sein will, sehr geduldig und sehr bescheiden. Vielleicht ist ja der letztdenkbare auch der kleinstmögliche Eingriff der Kunst. Der fast unscheinbare.

Da hat das Duo Fischli/Weiss aus Zürich doch Gespür für den maultäschigen Genius loci bewiesen. Wir haben zwar in Schorndorf nicht die beschriebene "Kathedrale am Wegesrande" gefunden. Dafür eine Garage mit einem Fenster in der Tür und Blick auf die liebevoll artifizielle Gerümpelfüllung. "Isch aber elles net ächt", warnt der jugendliche Cicerone, der uns mit der Taschenlampe ins Kunstinnere leuchtet. Hätten wir jetzt sagen sollen, daß die Kunst gerade dann besonders echt ist, wenn alles an ihr net ächt ischd?