CHEMNITZ. – Peter Jelinek, Polizeioberrat in der Landespolizeidirektion, hält seit fast drei Jahren das Dresdner Innenministerium in Atem. Unentwegt holt ihn seine Vergangenheit ein: Stadt- und Kreistage verlangen seinen Rücktritt, der Vizepräsident des Sächsischen Landtages hat ihn wegen Körperverletzung im Amt angezeigt – doch für den 43 Jahre alten Jelinek hat das keine Konsequenzen. Nur einmal hat er reagiert, im Herbst 1990, da veröffentlichte er im Freiberger Anzeiger: "... (ich) erlaube ... mir, ... mein Bedauern und meine Entschuldigung auszusprechen und für mich und die Polizisten für die anstehenden komplizierten Tagesaufgaben einen Vertrauensbonus zu erbitten ..." Inzwischen schleppt sich das dritte Ermittlungsverfahren dahin, und selbst ein großer Fernsehbericht brachte keine Bewegung in die Angelegenheit Jelinek.

Am Abend des 4. Oktober 1989 – nach der berühmten Rede Hans-Dietrich Genschers in der Prager Botschaft – fuhren versiegelte Flüchtlingszüge durch die Kreisstadt Freiberg (Sachsen.) Auf dem Bahnhof versammelten sich ein paar hundert Menschen. Polizei und Staatssicherheit schlugen ohne Warnung zu. Halbwüchsige, Frauen und Alte wurden zu Boden geprügelt, blutig geschlagen, von Hunden gebissen, verhaftet. Die Festgenommenen kamen in eines der lange vorbereiteten Internierungslager und in die Zellen und Keller des Kreispolizeiamts Freiberg. Dessen Chef war Volkspolizei-Oberstleutnant Jelinek. Er hatte auch den gesamten Einsatz geleitet.

Erst Monate später, Polizei und Staatsanwaltschaft hatten sich inzwischen gewendet, wurde Anklage erhoben – gegen einen Hundeführer. Das Plädoyer der Staatsanwältin war eines Verteidigers würdig, und als gesellschaftlicher Fürsprecher trat der Vorgesetzte des Angeklagten auf: Jelinek. Inzwischen Oberrat, sprach er von Greuelmärchen der Zeugen. Trotzdem wurde sein Untergebener verurteilt. Er hatte "leichtfertig" den Maulkorb entfernt, um mit Hilfe seines Hundes zwei kräftige Kollegen vor einem bäuchlings am Boden liegenden Jüngelchen retten zu wollen. Der Ordnungshüter erhielt eine Geldstrafe von 1200 Mark. Der Gerechtigkeit war Genüge getan. Aufforderungen des Runden Tisches und einer Untersuchungskommission, sich des Falls Jelinek anzunehmen, ignorierte die Chemnitzer Staatsanwaltschaft lange Zeit standhaft. Jelinek wäre schließlich Fachmann, und solche Leute brauche die neue Zeit.

Innenminister in Sachsen ist Heinz Eggert, Pastor und prominentes Stasi-Opfer. Als er sein Amt antrat, kündigte er eine gründliche Säuberung des öffentlichen Dienstes an. "Aber inzwi- – sehen ist die Luft raus", meint der Vizepräsident des Landtags, Rudorf, der sich von dem neuen Mann Jelineks Entlassung erhofft hat. Doch Eggert verweist auf die große Zahl abgeschlossener Fälle, und immerhin habe er nach Rudorfs Intervention eine erneute Prüfung angeordnet. Auch sei Oberrat Jelinek zwischenzeitlich auf eine Stelle ohne Befehlsgewalt versetzt worden. Er selbst fühle sich der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet: keine Entlassungen ohne ordentliche Verurteilung durch ein unabhängiges Gericht.

Auf Rechtsstaatlichkeit pochen auch die Polizisten, die sich in der Person Jelineks angegriffen fühlen, und klagen ihr Recht auf Wandlungsfähigkeit ein. Schließlich müsse Jelinek mit Frau und Kindern unter seinen Mitbürgern leben können. Rudorf ist dagegen: Jelinek solle als Steuerberater arbeiten, aber nicht als Staatsbeamter, Bei Kindergärtnerinnen, Lehrern oder Professor ren genüge in Sachsen schließlich schon der bloße Verdacht einstiger Staatsnähe.

Die Polizei will Jelinek gern als Polizeipräsidenten einsetzen, dem Minister fehlen in Sachsen 3000 Polizisten, und die Bereitschaft westdeutscher Beamter, zu Hilfe zu eilen, hat auch bei der Polizei deutlich nachgelassen.

Unterdessen wartet Eggert auf eine Empfehlung von Staatsanwalt Hermann, einem Bayern, wie im Fall Jelinek zu verfahren sei. Altlasten machen dem Freistaat auch in den Justizvollzugsanstalten zu schaffen. Selbst im berüchtigten DDR-Gefängnis Bautzen II hat manch alter Wärter gute Chancen, Beamter im neuen Deutschland zu werden, Es sei denn, er wäre ein Stasi-Mann gewesen oder, wie es im Jargon der Personalplaner inzwischen heißt, es "gauekt" mal wieder, Ernst-Michael Brandt