Im Moment werden die aufregendsten Filme wieder in Frankreich gedreht: Filme, die visuell noch etwas wagen – jenseits von Geschäft und Geschwätz. Es sind Filme über die Stille hinter dem Reden, über das Offene hinter dem Entwurf, in Szene gesetzt von Jacques Rivette und Maurice Pialat, von Olivier Assayas und André Téchiné. Filme über die Chancen, die ein paar Außenseiter haben, wenn sie am Gängigen kratzen – wie früher bei Carné und Renoir, wie später bei Rohmer, Godard und Truffaut.

Ein weiterer Orpheus im Kampf um Eurydike, ein weiterer Pierrot le fou. Pierre, ein Junge vom Land, "aus der Gascogne, wie D’Artagnan", macht sich auf nach Paris, um Schauspieler zu werden, dort allerdings gerät er von einem Fiasko ins andere. Er verliert seinen Job, verläßt seine Geliebte und verspielt sein Zimmer. Doch sein größtes Desaster: Als die Lehrerin ihn bittet, den Hamlet-Dialog auf der Bühne vorzutragen, begreift er nicht, worum es geht. Er stottert bloß herum.

Am Ende eines Traums, was bleibt da noch? Und wie sich orientieren, wenn die Nacht niemals endet? Für Pierre bricht plötzlich auseinander, was ihm zuvor gerade den Halt garantierte. Seinem arabischen Freund, der seinen Körper alten Männern verkauft, weil er sonst nichts zu verkaufen habe, hatte er anfangs noch geantwortet: "Betteln oder prostituieren, das kommt für mich nicht in Frage." Doch als er dann selbst nichts mehr hat, was er verkaufen kann, geht er den gleichen Weg. Die einzige Einschränkung dabei: "Ich blase keinen. Und ich küsse nicht."

Auf in die große Stadt, das ist im europäischen Kino das Pendant zum amerikanischen go west. Sich vorzuwagen auf neues, gefährliches Terrain heißt jedoch, gängige Grenzen zu überschreiten, äußere wie innere. Es impliziert: alles auf einmal wieder ungewiß zu machen, damit es neu erfahrbar und veränderbar wird. Téchinés Held ist ein naiver Westerner, nur fehlen ihm anfangs die Waffen, um zurechtzukommen im Gestrüpp der doppelbödigeren Interessen. Am Ende dann, nach einer demütigenden Vergewaltigung, geht er zur Armee, um neue Kräfte in sich aufzusaugen, "um ins Leere springen zu lernen, vor allem des Nachts, wenn man nichts sieht".

André Téchiné ist ein eintaste maudit. Er feiert die Hölle, um im Feuer das Licht zu entdecken. Sein Film bleibt jenseits von Geschmack und Einverständnis, er handelt vom Leben in Unfreiheit, das zu kurzen, freieren Momenten führt. Oder anders herum: Sein Film bleibt jenseits von Hoffnung und Moral, er erzählt vom guten Willen, der immer nur scheitert und im Bösen mündet, und von der Lust am Bösen, das ganz andere Möglichkeiten eröffnet. "Leidenschaft ist wie eine Krankheit", heißt es einmal. Das nimmt Pierre sehr ernst. So verspricht er, als er beginnt, sich zu verkaufen, sehr wenig und fordert sehr viel. Er denkt, wenn er sich bezahlen läßt, nicht nur an den körperlichen Spaß, sondern auch an die Heilung dahinter.

"J’embrasse pas" ist ein Film der gewagten Initiation: Er erzählt von Aufbruch und Suche, von Erwartung und Obsession. Aber auch davon, wie der Traum vom großen Glück sich entzaubert, Schritt für Schritt. Téchiné setzt dabei unentwegt kontrastive Akzente. Er beschreibt nicht Momente des Scheiterns, sondern betont eher, wie aus dem Profanen noch etwas Heiliges aufschimmern kann.

Eher nebenbei weist Téchiné auf das Tragische hinter seiner Geschichte. Wie ein Mann, der seine Heimat verläßt, denn "in den Pyrenäen, dort gibt es keine Zukunft, wenn man Schauspieler werden will"; wie er erst alles verlieren muß, um wenigstens ein bißchen in sich zu retten. Seine Integrität verliert er, seine Würde und all seine Träume. Erst seine Liebe zu Ingrid, der grellen Prostituierten, die so gerne Sängerin geworden wäre (Emmanuelle Béart), öffnet ihn wieder fürs Leben. Aber gerade diese Liebe führt ihn dann auch in die schlimmste, demütigendste Erfahrung, die von Verrat, Gewalt und Schmerz.