Von Petra Kipphoff

Eine Schönheit war Alma Mahler nicht. Aber eine Frau, vor der die Männer in die Knie gingen. Reihenweise. In dem Maler Gustav Klimt und dem Komponisten Alexander Zemlinsky fand die Tochter einer großbürgerlichen Wiener Künstlerfamilie ihre ersten Begegnungen mit der Leidenschaft, und daß sie zu dieser Zeit noch an den Wert der "jungfräulichen Reinheit" glaubte, hat sie später in ihren Lebenserinnerungen heftig bedauert. Mit 23 Jahren wurde sie die Frau des zwar noch umstrittenen, aber doch auch gefeierten Dirigenten und Komponisten Gustav Mahler. Das war 1902, Mahler starb 1911. Mitte April 1912 lernte Alma Mahler den jungen Oskar Kokoschka kennen, einen Schüler Klimts. Am 19. April schrieb Kokoschka ihr einen glühenden Brief, in dem er sie bat, seine Frau zu werden. Aus der Ehe wurde nichts, unter anderem auch deshalb, weil der eifersüchtige Kokoschka sich weigerte, einer Büste des toten Gustav Mahler im gemeinsamen Haus einen Platz einzuräumen. Oskar Kokoschka ging aus Trotz und Verzweiflung als Freiwilliger in den Krieg. Daß Alma ein gemeinsames Kind ohne sein Wissen hatte abtreiben lassen, hatte ihn zusätzlich tief verletzt.

Im August 1915 heiratete Alma Mahler, ohne große Leidenschaft, aber in dem Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen, den Berliner Architekten Walter Gropius. Auch Gropius ging in den Krieg, und die "kurze Heilung", die Alma durch diese Ehe erfahren hatte, verflüchtigte sich in der Trennung. Im Herbst 1917 lernte sie den Schriftsteller Franz Werfel kennen, und kaum war Gropius nach dem Weihnachtsfest wieder an die Front gefahren, schrieb sie in ihr Tagebuch: "Nichts als Franz Werfel liegt mir im Sinn." Sie war damals im siebten Monat schwanger und hatte, durch das Zusammensein mit Werfel ausgelöst ("Wir liebten uns! Ich schonte sie nicht", vermerkt der Dichter in seinem Tagebuch), eine Frühgeburt, die sie fast das Leben kostete. Der fromme Freund war verzweifelt, betete zum Herrgott und bot Enthaltsamkeit beim Rauchen, Essen und in der Liebe für das Überleben seiner Alma. Das Geschäft klappte, trotz Rückfällen in Sachen Tabak. Aber der kleine Sohn von Walter Gropius starb nach zehn Monaten. Alma Mahler aber bekannte sich für den Rest des Lebens mit jener Entschlossenheit zum Mediokren, zu der nur die Leidenschaft fähig ist, zu dem Verfasser mittelmäßiger Romane. Durchdrungen von dem Bewußtsein, daß Gropius zwar "das Nobelste, Edelste" war in ihrem Leben, trennte sie sich dennoch von ihm und blieb bei Werfel, dem sie sich "panerotisch" verbunden wußte, bis zu seinem Tode.

Aber Alma Mahler-Werfel, die, wie Sigrid Metken es im Frankfurter Katalog so schön formuliert, mit ihrem "Spürsinn für Werte immer die begabtesten Bewerber bevorzugt" hatte, jedenfalls bis zum Tage Werfel, sie hatte die Erinnerung an Kokoschka immer präsent. Für ein Genie hatte sie ihn schließlich immer gehalten. Wenn auch eines, das ihrer Erweckung bedurfte, sich aber ihrer Domestizierung verweigerte. Aber sie wußte sehr gut, daß sie weder in dem Werk von Mahler, noch gar in dem von Werfel, wohl aber in dem von Oskar Kokoschka überleben würde. Zu seinem 50. Geburtstag schrieb sie Kokoschka einen Brief, in dem sie ihn bat, alle unguten Erinnerungen und Empfindungen zu vergessen: "Ich will nichts von Dir, als daß wir uns wieder eine Einheit wissen, die wir im Innersten nie aufgehört haben zu sein."

Diese Einheit allerdings hatte es, wer wußte das besser als Alma Mahler, jenseits der Momente der Leidenschaft nie wirklich gegeben. Kokoschka hatte sie immer wieder mit der ihm eigenen Heftigkeit zu erzwingen versucht, und sie hatte sich immer seiner besitzergreifenden Art verweigert, hatte ihn immer wieder in die Schranken gewiesen, wenn seine exzentrischen Auftritte und Ausbrüche der Eifersucht ihre Bewegungsfreiheit und ihre Rolle in der Wiener Gesellschaft beeinträchtigten. Einen "einzigen, heftigen Liebeskampf" nennt sie die drei Jahre mit Kokoschka in ihrer Autobiographie und fügt mit der ihr eigenen Mischung aus Pathos und Koketterie hinzu: "Niemals habe ich soviel Hölle, soviel Paradies gekostet."

Im Werk von Oskar Kokoschka spiegelt sich das imaginierte Paradies in zwei wunderbar bewegten Bildern: dem "Doppelakt – Liebespaar" von 1913, zwei idealisch junge Menschen, im Tanzschritt verschränkt, vor einem bewegten Hintergrund; und der "Windsbraut" von 1914, einem Sturmbild der Liebe, auf dem Mann und Frau zwar eng aneinandergefügt durch ein aufgewühltes Weltenmeer treiben, im Gesichtsausdruck und der Gestik des Mannes, in dem Kokoschka sich selber portraitiert hat, aber der Schmerz der Trennung schon antizipiert ist. Direkt und nur für Alma aber hatte Kokoschka etwas geschaffen, für das es weder in der Geschichte der Kunst noch in den Annalen der Leidenschaften eine Parallele gibt: Auf sechs Fächern hat er in Aquarell und Tusche die Geschichte ihrer in die Dimension des Märchens des Mythos und der Religion entrückten Liebe und ihrer Gefährdung erzählt (einen siebten Fächer soll Walter Gropius aus Eifersucht ins Kaminfeuer geworfen haben). "Liebesbriefe in Bildersprache" nannte Kokoschka selber diese Fächersuite, und daß er für diese Liebesbriefe ein Attribut jener weiblichen Gesellschaftsauftritte benutzte, die er so haßte und Alma so liebte, das war ein Liebesbeweis besonderer Art.

Und dann die Hölle. Vom Erlös der "Windsbraut" hatte Kokoschka sich ein Pferd gekauft trat in ein Dragonerregiment ein, wurde an die Ostfront abkommandiert und im August 1915 lebensgefährlich verwundet, ging 1916 nach der Genesung noch einmal an die Front, wo ein Granatenschock ihn endgültig kriegsuntauglich machte. Er geht in ein Sanatorium nach Dresden, schreibt die Dramen "Hiob", "Mörder. Hoffnung der Frauen", "Der Brennende Dornbusch" und "Orpheus und Eurydike", alles überhöhte Widerspiegelungen seiner Verzweiflung, seines Aufbegehrens gegen den Verlust von Alma. Da lernt er bei seinen Dresdner Freunden Walter Hasenclever und Käthe Richter die Münchner Puppenmacherin Hermine Moos kennen. Und bestellt bei ihr eine lebensgroße Puppe, die ihm die verlorene Geliebte ersetzen soll. Sigrid Metken hat im Katalog einen kleinen Abriß der Geschichte von "Pygmalions Erben" in den zwanziger Jahren gegeben, in denen die uralte Sehnsucht nach dem Wunschgeschöpf ganz neue Blüten trieb. Die Geschichte von Kokoschkas Puppe aber ist einmalig, sie ist eine phantastische und erschreckende, weil von der Bühne ins Leben herabgestiegene Variante von "Hoffmanns Erzählungen".