Er könne nicht offen reden, bedauert der Manager. Es gelte abzuwarten, was die Politik entscheidet. Als Deutscher, lächelte Byun Chang Hyuk dann, werde man verstehen, daß dies eine heikle Angelegenheit sei, Vorsicht müsse walten, wenn über die Beziehungen zwischen den kapitalistischen Koreanern (Süd) und den kommunistischen Koreanern (Nord) geredet wird. Ansonsten: "Hatten Sie einen guten Flug?"

Es war eine Szene mit surrealem Anstrich, die sich da im Büro des Direktors von Kolon International abspielte, einem der großen südkoreanischen Mischkonzerne. Hatte doch gerade erst die Seouler Tageszeitung Korea Times berichtet, daß Kolon im Norden Koreas Handtaschen für zwanzig Millionen Dollar produzieren lassen wolle. Sogar von der Errichtung eines Gemeinschaftsunternehmens war die Rede. Noch immer lag in Seoul die Freude darüber in der Luft, daß die Koreaner aus dem Süden und die Koreaner aus dem Norden eine Art Grundlagenvertrag geschlossen haben, der Versöhnung und Entspannung, Handel und Wandel verspricht.

Im politischen Tauwetter blühten auch die Träume der südkoreanischen Manager von neuen Märkten und Produktionsstandorten. Jetzt aber, im Gespräch mit Byun Chang Hyuk, war davon nichts zu hören. Geschäfte mit dem Norden? "In einem Jahr vielleicht", erwiderte Byun, könne er mehr berichten – aber nur "vielleicht".

Eine seltsame Verzagtheit hat sich in Seoul breitgemacht. Davon, daß auch in Korea die Wiedervereinigung vor der Tür steht, daß der ökonomisch erfolgreiche Süden den bankrotten Norden übernimmt, ganz so, wie die Westdeutschen die Ostdeutschen übernommen haben, will niemand etwas wissen. "Die demilitarisierte Zone zwischen Nord und Süd", jenes undurchdringliche Pendant zur innerdeutschen Grenze, "muß vorerst so bleiben wie sie ist". Das sagt Ken II Dong, einer der führenden Nordkorea-Experten des staatlichen Entwicklungsinstituts KDI.

Über vierzig Jahre waren die Südkoreaner von ihren Regierungen mit einer Mischung aus hartem Antikommunismus und einer poetischen Verklärung der großartigen Zukunft eines vereinten Koreas gefüttert worden. Dann kamen das Ende des Kalten Krieges und der Fall der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland. Seoul reagierte zunächst mit Euphorie – und dann mit Schrecken. Denn Zahlen über die Kosten der deutschen Einheit machten die Runde, Hochrechnungen auf die eigene Situation wurden angestellt, "Wären wir in der Lage, die Lasten der Einheit zu übernehmen?" fragt seither nicht nur Kim Jong In, der wichtigste Wirtschaftsberater von Präsident Roh Tae Woo. Die meisten Experten Präsident mit einem klaren Nein.

Dabei haben die Südkoreaner mit tiefer Genugtuung registriert, wie deutlich auch auf der fernöstlichen Halbinsel die kapitalistische Wirtschaft gesiegt hat. Während noch 1973 das Brutto-Inlandsprodukt Nordkoreas höher als das Südkoreas war, produziert die Wirtschaft im Süden heute fünfmal so viele Waren und Dienstleistungen im Jahr wie der Norden. Südkorea baut 58mal mehr Autos als Nordkorea, konstruiert sechzehnmal mehr Schiffstonnage, konstruiert sechzehnmal mehr Öl und hat ein zweieinhalbfach längeres Straßennetz. Mit mindestens sechs Milliarden Dollar ist Pjöngjang im Ausland ver-Milliarden sein Außenhandel fiel 1991 um ein Viertel auf nur noch 3,5 Milliarden Dollar. Seoul dagegen verzeichnete im vergangenen Jahr Importe und Exporte von insgesamt 146 Milliarden Dollar.

Stimmen die spärlichen Berichte, die aus Pjöngjang nach außen gelangen, steht die nordkoreanische Ökonomie vor dem Bankrott. Der polnische Reporter Krzysztof Darewisczi schrieb, daß "Nahrungsmittelgeschäfte leer sind" und "Fleisch, Fisch und Eier niemals in den Ladenregalen auftauchen". China und die frühere Sowjetunion, vormals die wichtigsten Verbündeten der Nordkoreaner, haben Pjöngjang schmählich im Stich gelassen und treiben inzwischen einen schwunghaften Handel mit Seoul. Seitdem Rußland für seine Exporte harte Währung verlangt, sind vor allem die Öllieferungen rasant gefallen. Deshalb klappt die Elektrizitätsversorgung nur noch unzureichend. Benzin und Diesel sind kaum zu haben, Industriebetriebe arbeiten angeblich nur noch mit vierzig bis sechzig Prozent ihrer Kapazität.