Von Markus Haefliger

Mogadischu, im August

Am frühen Morgen ist der Platz vor der Volksküche voller Menschen, die geduldig auf ihre Morgenmahlzeit warten, ausgezehrt, schwach und schweigend. Ein Kind sucht schlafend Wärme im Schoß der Mutter, während im Innenhof eines alten Gebäudes Holzfeuer entfacht werden. In zwölf großen Töpfen bereiten freiwillige Helferinnen die Einheitsnahrung aus Reis und Bohnen zu.

Adan Kasim, der Totengräber, macht die Runde. Obwohl seit Anfang Juni täglich zwei Hercules-Transporter Hilfsgüter in diese 250 Kilometer nordwestlich von Mogadischu gelegene Kleinstadt Baidoa fliegen, kommen für viele die Speisungen zu spät. In den Auffanglagern angekommen, überwältigt die Hungernden die Schwäche. Seit Beginn der Hilfsaktion mußte Kasim allein hier auf dem Lagerplatz neben der Volksküche Teburn 183 Opfer begraben. Heute sind es schon wieder fünf: vier Säuglinge und ein Greis. Die Toten werden in Tücher gewickelt und bis zur Bestattung am Nachmittag hinter das Haus gebracht. Jede Volksküche hat ein Gräberfeld. "Unsere Aufgabe ist einfacher geworden", sagt Kasim, "im April und Mai, bevor es die Küchen gab, mußten wir die Toten entlang der Hauptstraße einsammeln."

Der Tod ist Routine in diesem Tal im Hinterland Somalias. Die Menschen sterben und trauern allein. Momela Adel Sheik raubte der Tod an diesem Morgen ihr drittes Kind innerhalb einer Woche; auch ihr Mann ist verhungert. Selbst abgemagert bis auf die Knochen, nimmt sie nicht mehr wahr, daß neben ihr eine andere Mutter trockene Tränen um ihr Baby weint. Die beiden Frauen tauschen keine tröstenden Gesten mehr.

Die Menschen in den Versorgungsstationen sind Verlierer eines Bürgerkrieges, der nicht der ihre war, sind ausgeplündert, verjagt und endgültig besiegt von Dürre und Hunger. Nach der Vertreibung aus der Hauptstadt Mogadischu vor anderthalb Jahren zog sich der ehemalige Diktator Siad Barre mit seinen Truppen vor den Rebellenarmeen ins nördliche Giuba-Tal zurück, die Heimatregion seines Clans der Marehan, an der Grenze zu Äthiopien und Kenia. Baidoa liegt etwa auf halber Strecke zwischen Hauptstadt und südlicher Grenze. Mehrmals zogen während der Rückzugsgefechte die Armeen durch das Tal. Marodierende Soldaten plünderten Saatgut und Vieh. Erst im April fiel Baidoa fest in die Hand der Milizen des United Somalia Congress unter dem Rebellengeneral Aidid.

Yussuf Sharif Nor, der neue Gouverneur der Kleinstadt, will natürlich keine Schuld auf seine Kriegspartei nehmen. Er empfängt Gäste in einem zinnoberrot gepolsterten Lehnstuhl, der als heute nur noch lächerliche Erinnerung an den vergangenen Glanz Baidoas geblieben ist. Gleich vier Gründe nennt der Gouverneur dafür, daß die Bauern dieses Jahr keinen Kolben Mais ernten werden: Erstens, erklärt er, hätten die "meisten schon nach der letztjährigen Ernte kaum Saatgut mehr gehabt; zweitens hätten die Barre-Soldaten geraubt, was den Bauern noch geblieben war; drittens hätten die heftigsten Kämpfe um Baidoa gerade zur Saatzeit, im März und April, stattgefunden. Nach zwei aufeinanderfolgenden Jahren unter Krieg und Dürre seien viertens die ansässigen Bauern nun ohnehin zu schwach für die Feldarbeit.