Die Qual der Wahl – Seite 1

Von Andreas Kuhlmann

Seit Nietzsche lamentiert die Kulturkritik darüber, daß das bequeme Leben in der modernen Zivilisation zum Niedergang menschlicher Charaktere und zum Zerfall gesellschaftlicher Ordnung und Hierarchie führt. Da die Menschen sich nicht mehr gegen die Bedrohung durch Naturgewalten, durch menschliche Gewalttat oder durch täglichen Mangel behaupten müssen, scheinen sie zu verweichlichen. Im unübersichtlichen Pluralismus der Werte, im entfesselten Gewusel der Individuen droht die Freizügigkeit des Denkens und Handelns schrankenlos zu werden. Der Notwendigkeit enthoben, sich vor materieller Not und kriegerischer Aggression zu schützen, verfolgen die Menschen – wie Nietzsche verächtlich sagte – allein noch ihr mickriges individuelles "Glück". So kommt es zur Anarchie zwischen den einander gleichgestellten Menschen und zum Zerfall der verschiedenen Kräfte im einzelnen Menschen.

Im Anschluß an Nietzsche hat die deutsche Soziologie zu Beginn des Jahrhunderts, haben zumal Georg Simmel und Max Weber das Verhalten des modernen Menschen als eine unablässige Jagd nach "Erlebnissen" interpretiert. Den Begriff des "Erlebnisses" hat jetzt der Soziologe Gerhard Schulze aufgegriffen und zum Kern einer weit ausgreifenden Theorie neuer Gesellschaftsformen gemacht. Nicht mehr vom Kampf um die Verbesserung oder um den Erhalt des Lebensstandards und des sozialen Status wird die Lebensplanung der meisten Menschen vornehmlich bestimmt, sondern von der Suche nach subjektiver Befriedigung. Beruflicher Erfolg wird nicht mehr angestrebt, um das Überleben zu sichern oder um innerhalb einer objektiv vorgegebenen gesellschaftlichen Rangordnung zu reüssieren; beruflicher Erfolg macht nur dann noch Sinn, wenn damit die subjektiv empfundene Lebensqualität gefördert wird.

Da die meisten Menschen unserer Gesellschaft über mehr Mittel verfügen, als zum Existenzerhalt notwendig wäre, erleben sie ständig die Qual der Wahl. Konfrontiert mit einem unübersehbaren Angebot von Gütern und mit den verschiedensten Handlungsalternativen, stellt sich ihnen die schwierige Aufgabe der Orientierung. Genau an diesem Punkt unterscheidet sich Schulzes Darstellung der "Überflußgesellschaft" von allen kulturkritischen Szenarien: Nicht die Entlastung und die Bequemlichkeit, die der hohe Versorgungsstandard den Menschen beschert, macht er zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, sondern die Orientierungsleistungen, die ihnen abverlangt werden. Der Platz, den die Menschen im Laufe ihres Lebens in der Gesellschaft einnehmen werden, ist ihnen nicht mehr durch den Ort ihrer Herkunft vorgegeben. Weder ihr beruflicher Werdegang noch die Art ihrer sozialen Beziehungen, noch ihr Lebensstil werden durch die Verhältnisse, denen sie entstammen, vorprogrammiert. Nicht, daß die Ausgangsbedingungen keine Bedeutung hätten für die Entwicklung des einzelnen: Schulze betont immer wieder, welch hohen Einfluß die Bildungsqualifikationen für den persönlichen Werdegang haben. Doch Faktoren wie Bildung oder das Lebensalter wirken höchstens "disponierend", sie legen die Menschen nicht auf bestimmte Entscheidungen fest.

Die Lebensgestaltung wird immer mehr vom subjektiven Entwurf und immer weniger von der objektiv vorgegebenen Situation bestimmt. Nicht Knappheit und Bedrohung sind die vorrangigen Probleme, an denen sich das Verhalten ausrichtet – vielmehr ist es die Schwierigkeit, ein sinnvolles Leben zu führen. Denn je zahlreicher die Möglichkeiten werden, zwischen Konsumgütern, Lebensstilen, Berufsalternativen oder potentiellen Partnern zu wählen, desto dringlicher stellt sich die Frage: Was will ich eigentlich? Die regionale und soziale Herkunft legen den einzelnen nicht mehr auf bestimmte Entscheidungen fest: Immer mehr gezwungen, zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen, wird er auf sein "Innenleben" verwiesen. Die Erlebnisorientierung der Menschen erklärt Schulze so mit dem objektiven Entscheidungsdruck, dem sie ausgesetzt sind. Erlebnisorientierung bedeutet, daß die Individuen unablässig bemüht sein müssen, herauszufinden, was zu ihnen paßt, was ihren subjektiven Vorlieben entspricht.

Die "Erlebnisrationalität", von der Schulze spricht, birgt jedoch ihre besonderen Risiken: Es ist außerordentlich schwer, die eigenen Wünsche genau zu bestimmen, zu erkennen, was man "wirklich" will. Und wenn man einen Wunsch identifiziert hat und eine entsprechende Wahl getroffen hat, dann besteht immer noch die Gefahr, daß das erhoffte Erlebnis nicht eintritt. Erlebnisse lassen sich nicht programmieren, und deshalb sind Enttäuschungen immer möglich. Genau dieses Risikopotential des subjektzentrierten Verhaltens nun führt zu einer neuen sozialen Konformität: Sie wird nicht von der objektiven Lebenssituation der Menschen erzwungen, sondern von der Unmöglichkeit, sich ohne verhaltensstabilisierende Muster auf dem Markt der Möglichkeiten zu orientieren. Schulzes subtile und listige Argumentation zeigt, daß gerade die vieldiskutierte "Individualisierung" der Lebensformen zu neuer sozialer Angleichung führt. Wegen der Unsicherheit und des Enttäuschungsrisikos individueller Glückssuche folgen die Menschen gruppenspezifischen Verhaltensweisen. Und diese Verhaltensmuster werden wiederum von den Anbietern auf einem florierenden "Erlebnismarkt" nach Kräften stimuliert.

Alter, Bildung und Lebensstil sind die Kriterien, nach denen sich die nicht mehr primär situations-, sondern subjektbestimmte Gruppenbildung vollzieht. Denn diese drei Kennzeichen signalisieren dem einzelnen, ob die Lebensform des anderen mit der eigenen Erlebnisweise harmoniert. So bilden sich relativ homogene soziale Milieus, die sich nach Bildungsgrad, Generationszugehörigkeit, fundamentaler Sinnorientierung und Lebensstil unterscheiden lassen. Diese Milieus liefern den Individuen den erwünschten Halt, da sie ihre Erlebnisweisen einander angleichen und stabilisieren. Die "Erlebnisgesellschaft" entpuppt sich nicht als großes Kuddelmuddel versprengter Individualitäten, sondern als Gefüge kaum mehr miteinander konkurrierender, sondern weitgehend auf das eigene milieuspezifische "Erleben" konzentrierter Großgruppen.

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Gerhard Schulze liefert zum einen eine ausgefeilte Theorie der Gesellschaftsbildung unter den Bedingungen fortgeschrittener Individualisierung. Zum anderen bietet er eine reichhaltige, glänzend formulierte Milieubeschreibung der bundesrepublikanischen Gesellschaft der achtziger Jahre, die auf empirische Untersuchungen zurückgeht. Er unterscheidet zwischen dem Niveaumilieu, dem Integrationsmilieu, dem Harmoniemilieu, dem Selbstverwirklichungsmilieu und dem Unterhaltungsmilieu. Aus der Perspektive des "Niveaumilieus" erscheint die Gesellschaft vornehmlich als hierarchische Ordnung, und jeder einzelne versucht, darin einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Das "Integrationsmilieu" nimmt vor allem die gesellschaftlichen Konformitätserwartungen in den Blick, und seine Mitglieder sind bemüht, sich angepaßt zu verhalten. Das "Harmoniemilieu" erlebt die soziale Wirklichkeit als Existenzbedrohung und reagiert darauf mit der Suche nach Geborgenheit. Den Mitgliedern des "Selbstverwirklichungsmilieus" wird der "innere Kern" der eigenen Person zum Nabel der Welt, dessen Hege und Pflege als höchster Wert erscheint. Das "Unterhaltungsmilieu" orientiert sich an den momentanen Bedürfnissen und strebt nach immer neuer Stimulation.

Während sich in den ersten drei der genannten Milieus hauptsächlich Menschen finden, die die Vierzig überschritten haben, liegt das normale Alter im Selbstverwirklichungs- und Unterhaltungsmilieu darunter. Das bedeutet, daß die nach wie vor existente vertikale Schichtung der Gesellschaft, die sich nach materieller Lebenssituation und nach dem Bildungsniveau bemißt, durch die Altersgrenze gebrochen wird. Jugendliche mit geringer Qualifikation und entsprechend niedrigerem Lebensstandard gehören dem Unterhaltungsmilieu an, die älteren Mitglieder der traditionellen "Unterschicht" dagegen dem Harmoniemilieu. Dieser Befund bestätigt zum einen Schulzes zentrale These, stellt jedoch zugleich ihre Reichweite in Frage. Die Tatsache, daß Unterschichtjugendliche mehr und mehr unter sich bleiben und kein Beziehungsgeflecht mit den älteren Angehörigen der gleichen Schicht bilden, zeigt, daß nicht mehr die sozioökonomische Lage des einzelnen allein seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bestimmt; die andere Tatsache jedoch, daß die gleichen Jugendlichen ebenso von den privilegierteren Generationsgenossen abgeschottet sind, deutet darauf hin, welchen Einfluß die objektive Lebenssituation auf die soziale Gruppenbildung nach wie vor hat.

Damit aber erweist sich Schulzes Rede von der überwiegend subjektbestimmten sozialen Orientierung als überzogen. Man sollte wohl besser davon sprechen, daß der Einfluß der Lebenssituation auf die Milieuzusammensetzung gebrochen wird durch die neuartige Erlebnisorientierung der Menschen. Schulzes eigene Befunde weisen darauf hin, daß die Lebenssituation der einzelnen bei der Gruppenbildung objektiv durchaus determinierend wirkt, selbst wenn sie sich subjektiv allein an dem Kriterium gemeinsamen Erlebens ausrichtet. Diese Einschränkung nimmt jedoch Schulzes zentrale Einsicht nicht in Mitleidenschaft: Nur zum Teil subjektbestimmt, in jedem Fall aber subjektvermittelt, stellen sich soziale Zusammenhänge nur noch durch die Mitarbeit der einzelnen Menschen her. Da die soziale Schicht, die Familie oder die Nachbarschaft nicht mehr einen selbstverständlich anzunehmenden sozialen Horizont vorgeben, kommt es bei der Entstehung gesellschaftlicher Gruppen immer mehr auf die Individuen selbst an. Das aber macht Gesellschaft zu einem riskanten Projekt.

Gerhard Schulze ist mit seiner prägnant und präzis formulierten und begrifflich sorgfältig reflektierten Untersuchung ein großer Wurf gelungen. Mit analytischem Scharfsinn und erheblicher alltagssoziologischer Beobachtungsgabe erschließt er eine neue Form der Vergesellschaftung, die zuvor nicht gekannte Anforderungen an das Orientierungsvermögen der Menschen stellt.

Gerhard Schulze:

Die Erlebnisgesellschaft

Kultursoziologie der Gegenwart;

Campus Verlag, Frankfurt/New York 1992; 765 S., 98,– DM