Die angesehenen Wissenschaftszeitschriften Science und Nature haben angekündigt, daß Wissenschaftler, die bei ihnen Artikel publizieren oder die ihrer Kollegen beurteilen, eigene finanzielle Interessen offenlegen müssen. Noch vor zehn Jahren waren zum Beispiel Bioforscher, die sich für die Verwertung ihrer Erkenntnisse interessierten, die absolute Ausnahme. Heute melden Forscher Patente an, gründen eigene Firmen oder erstehen gar Aktien und Anteile zukunftsträchtiger Unternehmen. Deshalb möchte Science, daß in Zukunft nicht mehr die Forscher allein, sondern die Empfänger der Information darüber befinden dürfen, ob die Geschäftsinteressen eines Autors oder Gutachters deren wissenschaftliche Urteile beeinflussen. Eine Zumutung?

Das Ideal der reinen Wissenschaft fordert, daß sich wahre Erkenntnis durch Objektivität und Allgemeingültigkeit auszeichne. Überzogener Eigennutz führe dagegen vom Pfad der Tugend weg. Die akademische Grundlagenforschung war lange ein Refugium, in dem der Forscher, finanziell abgesichert, soziale Reputation allein durch die Produktion neuen Wissens erwerben konnte. Dieses herrenlose Wissen suchte er in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Ob es geglaubt, widerlegt, genutzt oder vergessen wurde, entschied sich daran, wie andere damit umgingen. Diese organisierte Kritik schützte die Wissenschaft weitgehend vor "Wettbewerbsverzerrungen". Mögliche Interessenkonflikte wurden zwar nicht verhindert, aber doch verringert.

Der Alarm der Wächter der reinen Wissenschaft kann nur so interpretiert werden, daß sich die "Geschäftsbedingungen" der Grundlagenforschung unter dem Einfluß des schnöden Mammons verändern und damit auch die Kultur des Wissenserwerbs. Wissen kann heute ohne Berücksichtigung seiner Entstehungsgeschichte kaum noch richtig eingeordnet werden. Wie sollen Forscher Objektivität garantieren, wenn ihre Erkenntnisse systematisch in ein Umfeld mit millionenschweren Interessen hineingeboren werden?

Schrumpfende öffentliche Forschungsbudgets, gestiegene Laborkosten und die wachsende Zahl von Wissenschaftlern verschärfen den Wettbewerb um knappe Förderungsgelder. Die Folge hiervon ist, daß bereits der Erfolg oder Mißerfolg bei der Beschaffung neuer Mittel direkten Einfluß auf die Forschung und damit die Reputation des Wissenschaftlers ausübt. Der Zwang zum erfolgreichen Forschungsantrag unterhöhlt die finanzielle Unabhängigkeit. Warum da nicht nach Geldgebern in der Privatwirtschaft Ausschau halten, wo die Nachricht über die Entdeckung eines neuen Nervenwachstumsfaktors vor ihrer Publikation über Millionen am Aktienmarkt entscheiden kann?

Der zaghafte Versuch der Wissenschaftszeitschriften, Interessen offenlegen zu lassen, zeigt, daß der Elfenbeinturm der Wissenschaftler Fenster bekommen muß. Deutlich wird, daß sich nicht nur die Wissenschaftler zunehmend dafür interessieren, was die Welt aus ihrem Wissen macht – im guten wie im schlechten. Auch für Unternehmen und den Aktienmarkt erhalten Publikationen mit der Offenlegung eine völlig neue Bedeutung: als Gradmesser lukrativer Neuentwicklungen der Labors. So trägt, was für Klarheit sorgen soll, wahrscheinlich zur innigeren Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft bei. Der Initiative von Science verdanken wir aber immerhin, daß erstmals sichtbar wird, was ohnehin geschieht.

Volker Stollorz