BOCHUM/BERLIN. – Es begann mit einem Inserat in der ZEIT im Oktober vergangenen Jahres. Die Humboldt-Universität zu Berlin schrieb "für den Neuaufbau des Fachbereichs Sozialwissenschaften" vier Professuren aus. Neben den üblichen Voraussetzungen sollten die Bewerber "über Lehr- und Forschungserfahrungen an den Hochschulen der DDR verfügen". Professor Dieter Voigt von der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität las die Ausschreibungen – und war empört. In einem Brief an den Berliner Wissenschaftssenator schrieb er, ihm dränge sich der Verdacht auf, "daß hier ehemalige SED-Funktionäre – und etwas anderes waren die Professoren in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern zumeist nicht! – wiederum in einflußreiche und gut dotierte Stellungen lanciert werden sollen".

Die Antwort aus Berlin empörte den Bochumer Professor indes noch mehr. Es komme darauf an, schrieb der Senator, auch "Professoren zu gewinnen, die aus eigener Anschauung und Erfahrung mit den Verhältnissen in der ehemaligen DDR vertraut sind. Sozialwissenschaftliche Erhebungen können erfahrungsgemäß nur mit Erfolg durchgeführt werden, wenn die Wissenschaftler mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut sind, so daß keine Fehlinterpretation der Daten erfolgt." Er sehe in der Berufung ehemaliger DDR-Professoren "keine Gefährdung der Erneuerung an der Humboldt-Universität".

Nun wollte es Professor Voigt genauer wissen und stellte Nachforschungen an. Er fand heraus, daß sich auf eine der Stellen Professor Dieter Klein beworben hat – ehemals Mitglied der SED-Bezirksleitung Berlin und zu DDR-Zeiten Prorektor für Gesellschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität. Außerdem, behauptet Voigt, habe Klein, der immer noch an der Humboldt-Universität beschäftigt ist, "bis zuletzt konspirativ gegen die Bundesrepublik operiert". Der DDR-Professor sei "für die Direktiven an die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW) verantwortlich" gewesen. Außerdem habe Klein den SED-Parteitag im Dezember 1989 organisiert, auf dem sich die Partei in PDS umbenannte.

Belege für seine Vorwürfe, insbesondere den, Klein habe die SEW angeleitet, bleibt Voigt jedoch schuldig. Statt dessen verweist er darauf, daß er seine Meinung wiederholt öffentlich geäußert habe, ohne daß von Klein ein Dementi gekommen sei: Man würde dazu schon gern mehr erfahren, galt doch Klein bereits Jahre vor der Wende als Reformkommunist und einer der wenigen Anhänger Gorbatschows in der SED. Er selbst ist derzeit in Urlaub und nicht erreichbar, teilt die Sprecherin der Humboldt-Universität mit.

Voigts Engagement in dieser Sache kommt nicht von ungefähr. Der Sozialwissenschaftler stammt aus der DDR und war dort zweimal aus politischen Gründen inhaftiert, ehe er 1969 in die Bundesrepublik ausreisen konnte. Seitdem hat er sich den Ruf eines erbitterten Regime-Gegners erworben. "Ich war ein unliebsamer DDR-Forscher", sagt er von sich selbst. Ganz anders als etwa sein Kollege Wilhelm Bleek, Politikwissenschaftler und Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität. Bleek, ebenso wie Voigt DDR-Forscher, genoß im Osten hohes Ansehen als Vertreter einer "liberalen" Forschungsrichtung. In einer Schrift der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED aus dem Jahr 1988 ist über Bleek wohlwollend vermerkt, daß er "sich mehr und mehr als theoretischer Vordenker der liberalen Richtung profiliert".

Einer persönlichen Freundschaft zwischen Voigt und Bleek standen die höchst gegensätzlichen politischen Positionen dennoch nicht im Weg. Rund zwei Jahre lang wohnte Bleek, dessen Familie in Kanada lebt, sogar bei Voigt. "Ich hab’ ihn nur für naiv gehalten und eben gedacht, ich weiß es besser", erklärt Voigt. Außerdem sei Bleek "ein liebenswerter Mensch".

Inzwischen hat Voigt den Freund vor die Tür gesetzt, und per du sind die beiden auch nicht mehr.