Von Manfred Sack

So schnell wollen wir diese Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen: daß ein bewundernswert rühriger Verein das skandalöse Versäumnis der Politiker so einfach korrigieren und ein nationales Mahnmal für die Opfer des nationalsozialistischen Terrors errichten will. Schon falsch: ein Mahnmal allein für die sechs Millionen europäischer Juden, die auf die grausamste Weise umgebracht worden sind. Das verlangt heftigen Einspruch: der Versuch der Segregation von Opfern in viele oder wenige, in bedeutungsvolle oder unwichtige, denn genau darauf liefe das Vorhaben hinaus. Und ebenso die unglaubliche Nonchalance der Politiker, dem eilig zuzustimmen, ohne die Öffentlichkeit gehörig daran zu beteiligen.

Auch fast ein halbes Jahrhundert nach dem Grauen hat es die Nation nicht vollbracht, den Opfern des Holocaust ein Mahnmal zu setzen, und eines, das ihre Bürger nicht nur zu flüchtigem, ästhetisch verbrämtem Erinnern einlädt, sondern erschrecken ließe. Alle Versuche sind nicht nur mit jahrzehntelanger Verspätung gemacht, sondern in verbissenen Kontroversen zerstört und schließlich begraben worden – so wie 1985, im vierzigsten Nachkriegsjahr in Bonn, wo man glaubte, sich der Aufgabe eines Nationalen Ehrenmals in der Trias mit Bundeskunsthalle (vollendet) und Haus der bundesrepublikanischen Geschichte (im Bau) entledigen zu können.

Die Abgeordneten scheiterten an der Inschrift, weil die Konservativen darauf bestanden, das Denkmal allen Toten des Krieges zu setzen, also nicht nur denen, die zu Tode gefoltert, ausgehungert, erschlagen, erschossen oder vergast worden sind, sondern auch den Gefallenen, kurzum: den Opfern wie den Tätern. Es waren unrühmliche Szenen eines aus schlechtem Gewissen geborenen und sentimentalen Versöhnlertums. Und es gab den Verdacht, daß nicht zuletzt das Protokoll endlich den prominenten Platz für Kranzniederlegungen bekommen sollte. Jeder kennt die Bilder, auf denen Uniformierte Kränze plazieren, Staatsgäste unter den Augen von Hofstaat und Fernseh-Öffentlichkeit an den Schleifen zupfen und alsbald das Weite suchen.

Ein anderes, weit hoffnungsvoller inszeniertes Drama hatte sich schon zuvor in Berlin zugetragen. Dort sollte ein internationaler Künstler-Wettbewerb die würdige Gestaltung jenes Geländes eröffnen, das schon damals fast aus dem Bewußtsein gedrängt war – obwohl der Holocaust hier geplant, gelenkt und verwaltet worden war, auf dem Prinz-Albrecht-Gelände, präziser: dem Gestapo-Gelände neben dem Martin-Gropius-Bau, dem einzigen übriggebliebenen Gebäude.

Doch der Auftraggeber, der Senat, verwarf die Empfehlung der von ihm berufenen Jury, den preisgekrönten Entwurf auszuführen, obwohl (oder weil) der wie kein anderer der Idealvorstellung nahegekommen war. Unvorstellbar, daß jemand über diese weite, von Eisengußplatten voll böser Botschaften "versiegelte", in strengem Raster von 500 roten Kastanienbäumen überdachte Stätte ohne innere Erregung hätte gehen können. Die darüber ausgebrochene Kontroverse führte abrupt zur Vertagung des lästigen Themas.

Bis es der Fernsehjournalistin Lea Rosh zu bunt wurde. Sie gründete den Verein "Perspektive Berlin" und formulierte – von Prominenten wie dem Schriftsteller Siegfried Lenz, dem Dirigenten Kurt Masur, dem Historiker Eberhard Jäckel, dem Industriellen Edzard Reuter machtvoll unterstützt – ihr eigenwilliges Ziel: ein Mahnmal allein für die ermordeten Juden zu errichten.