Es war, als würde – mitten im Sommer 92 – ein Konzert des leibhaftigen Elvis, eine Filmpremiere mit Marilyn, eine Talk-Show mit Graf Dracula annonciert: Bobby Fischer spielt wieder Schach – für 5,5 Millionen Dollar noch einmal gegen seinen letzten großen Gegner, Boris Spasskij. Die Nachricht erschien auf Seite eins sogar in Blättern, wo man die Sizilianische Eröffnung gemeinhin für ein Mafia-Massaker hält. Kasparow, Karpow, Polgar vergessen – Bobby Fischer redivivus.

Zwanzig Jahre lang lebte der Mann, der als Sechzehnjähriger erklärt hatte, das einzige, was er in diesem Leben wolle, sei Schachspielen, abgeschlossen in seiner Unterwelt, ohne eine Schachpartie. Warum? Das ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Hatte er nicht alle Großmeister der Welt das Fürchten gelehrt?

Schon mit zwölf fegte Bobby die Matadoren des berühmten Manhattan Chess Club von den Brettern; mit vierzehn wurde er amerikanischer, mit fünfzehn Großmeister, mit sechzehn verließ er die Schule, um künftig "nur noch Schach zu spielen". Mit zwanzig schrieb er das Buch "Wie ich Weltmeister wurde" – und wurde es neun Jahre später. Zwischendurch verschwand Bobby Fischer auf Jahre schmollend aus den Arenen, in denen er dann wieder wie eine Naturgewalt wütete, seine Gegner reihenweise zermalmend, als seien sie selber Schachfiguren.

Merkwürdigerweise wurde das Enfant terrible Bobby Fischer trotz aller Flegeleien, die er sich herausnahm gegenüber Gegnern, Funktionären, Organisatoren, Politikern und nicht zuletzt den verhaßten "kommunistischen Betrügern", von diesen nicht nur respektiert, sondern bewundert, vielfach geliebt. Und manchem bescheiden stillen Schachbrüter polterte er mit seinen Terroraktionen gegen Funktionäre und dergleichen geradezu aus der Seele.

Als er alles hatte – den Weltmeistertitel und alle Gegner am Boden, Millionen Dollars und Millionen Fans –, verschwand er in den Untergrund, nach offizieller Lesart, weil der Weltschachbund die Wettkampfregeln nicht in seinem Sinne ändern wollte. Fortan tauchten aus der Unterwelt von Zeit zu Zeit Meldungen auf über einen gewissen Herrn Fischer – Hysteriker, Paranoiker, Alkoholiker, Penner, religiöser Fanatiker, Neonazi, Jude, Antisemit, Gefängnisinsasse. Scharen von Reportern reportierten Stories unter der stehenden Zeile: "Ich war auf Bobbys Spur" und begeisterten sich an obskuren Spekulationen. Es gab tausend Geschichten, und keiner glaubte sie. Bobby Fischer trat in Konkurrenz zum Ungeheuer von Loch Ness. Sein Geist spukte, wo immer es auf den großen Turnieren der letzten Jahre heiß herging – und ein Gari Kasparow es Fischer manchmal gleichzutun versuchte, im Vergleich zu ihm aber wirkte wie ein wichtigtuerischer Konfirmand.

Nun also steht der Unsterbliche quicklebendig wieder auf der Matte. Und wieder ist die Frage: Warum? Braucht er Geld, wie der deutsche Großmeister und Weltmeisterschafts-Schiedsrichter Lothar Schmid glaubt? Bei ihm hatte ein "sehr heiterer, freundlicher" Fischer schon vor einem Jahr gewohnt und Kampfeslust und alte Spielstärke angedeutet, Bedingungen für einen neuen Fight genannt. Erst jetzt wurden ein Sponsor (ein serbischer Bankier), ein Gegner (der alte Boris, der inzwischen als Schachgott in Frankreich lebt) und ein Spielort (ausgerechnet im Kriegsland Jugoslawien) gefunden.

Auf der Halbinsel Sveti Stefan soll der Kampf am 2. September beginnen. Wenn, ja wenn Bobby Fischer nicht aufs neue mit einem Zug überrascht, was uns aber nicht überraschen sollte. Erscheinen seine unberechenbaren Schritte, seine Vor-, Rück- und Winkelzüge inzwischen doch selber wie die verwirrende Notation einer Dauerpartie, nämlich: "Das einzige, was ich will, ist..." Das Leben, ein Schachzug.

Wolfram Runkel