ZDF, Donnerstag 6. August: "Doppelpunkt"

Problem-TV ist eine Wachstumsbranche. Das mag an den wachsenden Problemen liegen oder auch nur an der Sendervielfalt. Als Kummerkasten jedenfalls ist der Fernseher mächtig gefragt; was mit redlichen Magazinen und besorgten Expertenrunden begann, hat sich zu fetzigem TV-Krach wie im "Heißen Stuhl" (RTLplus) oder ungestümen Tribunalen wie in "Einspruch" (Sat 1) ausdifferenziert. Selbst manche Serien sind nichts anderes als ein Spiegel zeittypischer Massensorgen, und so zeigt sich, daß es weniger das Glück (oder der Traum davon) ist, aus dem sich Programm zaubern läßt, als vielmehr im Gegenteil. Unglück weckt immer Neugiei.

Als Problem-TV für die Jugend ist der "Doppelpunkt" des ZDF eine mit zwei Grimme-Preisen geehrte Institution, die das Kunststück fertigbringt, zugleich seriös und temperamentvoll zu sein. Erfahrungsgemäß tragen allzu viele Teilnehmer plus Saalpublikum oft dazu bei, daß eine Fernsehdebatte scheitert; im "Doppelpunkt" jedoch herrschen jene erwartungsvolle Disziplin und helle Freude an der Rede vor, wie sie nur Leute aufbringen, die sich tatsächlich für ihr Thema interessieren – anstatt sich bloß zu ereifern. Eingerahmt von einem Publikum, das mitreden darf und soll und von seiner Chance guten Gebrauch macht, disputiert die um den Moderator gescharte Gruppe der Kontrahenten mit bemerkenswerter Sachtreue, ohne doch der Show Lebendigkeit und Tempo vorzuenthalten. Jüngst ging es um die Frage: Warum dürfen Homos nicht heiraten?

Weil sie, führte ein Familienvater aus, den besonderen Schutz des Staates nicht verdienen, denn schließlich, sie gründen keine Familien mit Kindern ... Aber das stimmt überhaupt nicht! Eine Blondine sprach von ihrer Lebensgefährtin als von "meiner Frau" und versicherte, daß die drei Kinder sehr zufrieden mit ihren lesbischen Eltern lebten. – Ludwig und Alfred, seit 37 Jahren ein Paar, hoben nicht auf die Kinderfrage ab. Sie wollten einer den anderen beerben können und vor aller Welt als Einheit gelten. Wie überhaupt Fragen der Besteuerung, des Zeugnisverweigerungsrechts und der Erbberechtigung hinter dem Symbolismus des Akts "Hier schließen zwei den Bund fürs Leben, und alle sind gerührt" zurücktrat. "Akzeptiert" und mit von der Partie – so fühlen sich Schwule, wenn sie aufs Standesamt ziehen dürfen.

Das gilt nicht für alle. Kay nannte die Ehe ein "Auslaufmodell" und fragte ironisch: "Für Schwule gut genug?" Man werde durch die Heiraterei auf Linie getrimmt. "Sorgt nicht das Recht zu heiraten für die Pflicht zu heiraten?" Der freie Schwule braucht kein Bindungsritual, und wer mit wem – geht den Staat nichts an.

Beschirmt von seinem Vertrauen in die keineswegs prominenten, dafür redefähigen Gäste, saß der Moderator Steinbrecher im Hagel der Standpunkte, ohne mehr zu lenken und zu drängen als nötig. Man merkt Leuten, die im Fernsehen, besonders im Problem-TV, auftreten, sofort an, ob sie was zu sagen haben oder nur Eindruck schinden wollen. Es kommt vor, daß beides zusammenfällt, meist aber läßt sich ein Drall in die eine oder andere Richtung ausmachen. Zur Professionalität eines Moderators gehört die Fähigkeit, Gäste, Konstellationen, Argumente für sich sprechen zu lassen. Es ist sicher nicht leicht, Fernsehmoderator und uneitel zu sein. Michael Steinbrecher zeigt: Es geht.

Barbara Sichtermann