Von Holger Iburg

Das Verteidigungsministerium spendiert ab August dieses Jahres Göttinger Ernährungspsychologen 640 000 Mark. Damit sollen sie herausfinden, wie hoch die "Akzeptanz" der Kantinenkost in der Bundeswehr ist. Nur knapp den dreifachen Betrag, rund 1,7 Millionen Mark, gibt das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) 1992 für die Friedens- und Konfliktforschung aus. Kürzlich wurde bekannt, daß das BMFT von 1995 an die Förderung für die Friedensforschung vollständig einstellen will. Für die 130 bis 170 deutschen Friedensforscher stehen die Ampeln auf Rot.

Die Streichungen könnten eine wissenschaftliche Disziplin beerdigen, die noch nie ein leichtes Leben hatte. So forderten die Politiker zur Hochzeit des Vietnamkrieges zwar, die Friedens- und Konfliktforscher sollten mit wissenschaftlichen Methoden Ursachen und Hintergründe für kriegerische Auseinandersetzungen ergründen und obendrein praktische politische Lösungen anbieten. Taten sie dies aber, wurden sie häufig parteipolitisch verteufelt oder vereinnahmt, meist wenig ernst genommen und manchmal sogar verlacht.

Selbst politische Skandale und eine veränderte Weltpolitik, das zeigen die Kürzungen, scheinen bei den Politikern nicht zum Bewußtseinswandel geführt zu haben. Dabei hätten sie, angesichts von derzeit 44 Kriegen in aller Welt, "großen Beratungsbedarf", findet Gerd Krell von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Zwei Beispiele belegen, daß die Wissenschaftler oft wesentlich früher als die Politiker Entwicklungen gesehen und Warnungen ausgesprochen haben.

Seit den siebziger Jahren hatten Friedensforscher Konflikte in Entwicklungsregionen untersucht. Während etwa die Ethnologen unter ihnen danach fragten, warum Gruppen gewalttätig werden, erforschten Politologen beispielsweise, warum der Import von Waffen einen billigeren Zugang zu Hochtechnologie-Know-how bedeutete als der Einkauf entsprechender ziviler High-Tech-Produkte. Ein Rat der Forscher lautete, die Kredite für Staaten in der Dritten Welt an deren Rüstungsausgaben zu koppeln. Seit einiger Zeit berücksichtigen Weltbank und Internationaler Währungsfond diesen offensichtlichen Zusammenhang von Rüstung und Unterentwicklung bei ihrer Kreditvergabe.

Ebenfalls seit Anfang der siebziger Jahre sammeln Friedensforscher Daten über deutsche Rüstungsexporte. Das war und ist ein schwieriges Unterfangen, weil die Bundesregierung bis heute nicht bereit ist, genaue Ausfuhrzahlen offenzulegen. Wie wichtig diese Informationen andererseits sind, hat sich im Falle der libyschen Giftgasfabrik bei Rabta und später im Golfkrieg gezeigt.

Die vom BMFT vorgesehenen Streichungen verordnen nicht einfach nur mehr Sparsamkeit – sie zerstören die Friedensforschung in ihrem Kern: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die bei Fragestellungen wie jenen nach der Verbindung von Rüstung und Unterentwicklung oder den Folgen deutscher Rüstungsexporte unbedingt nötig ist, wird daran zerbrechen. Denn künftig haben die Wissenschaftler bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die die BMFT-Gelder verwaltet und verteilt, nur eine Chance, wenn sie in ihren etablierten Einzeldisziplinen, das heißt in Konkurrenz zueinander, antreten. Das Ringen der Friedensforscher um die Analyse kriegerischer Konflikte in der Welt wird dann auf den Kampf aller gegen alle ums knappe Geld zu Hause reduziert.