Von Hanns-Josef Ortheil

Raymond Federman, Schriftsteller, Kritiker und Professor in Buffalo/New York, hat eine Entdeckung gemacht: das selbstreflexive Schreiben. Selbstreflexiv ist das Schreiben, wenn es sich dauernd unterbricht, wenn es sich selbst beim Namen nennt und vor allem über sich selbst spricht. Das selbstreflexive Schreiben, sagt Raymond Federman, ist eine wunderbare Methode, den Texten jeden Inhalt auszutreiben. Und solche Texte, inhaltlos, laufend mit sich selbst und ihrer eigenen Leere beschäftigt, solche Texte brauchen wir, meint Raymond Federman.

Raymond Federman ist bei dem Gedanken an soviel nichtiges Schreiben anscheinend richtig heiß geworden. Im Hamburger Literaturhaus hat er Lektionen über das selbstreflexive Schreiben vorgetragen, und dann ist das Ganze auch noch gedruckt worden, einhundertfünfzig Seiten lang: ein einziger Hymnus auf das Selbstreflexive, so inhaltsschwer wie das wochenlange Wiederkäuen von Luft: "Surfiction".

"Surfiction" – das ist die Surf-Version von Fiktion, also ein rasches Gleiten über die Fiktion hinweg. So wie unsere Surfer über kleine Seen und Gewässer gleiten und nichts sehen außer dem niedlichen Surfbrett unter ihren Füßen, so gleitet Professor Federman durch die Literaturgeschichte, nichts als Selbstreflexives vor Augen. Mit Samuel Beckett hat es begonnen, sagt Federman triumphierend, und dann kamen all die vielen anderen, ganze Bataillone selbstreflexiv gestimmter Autoren, immer nur eines im Sinn: den Text als Text.

Der Text als Text, das ist es, ruft Federman pausenlos, also "eine Art des Schreibens", "eine Art Diskurs", "eine Art von Realität", "einen wirklich fiktiven Diskurs", "dessen Form die einer Befragung ist", "einer endlosen Befragung dessen, was er (der Dichter) tut..." und so weiter, es wird dem Leser ganz schwindlig bei dieser Luftdrescherei. Und das alles nur, weil Federman ihm beweisen will, daß die sichtbare Welt letztlich "etwas ungeheuer Rätselhaftes" ist, am besten, man läßt sie ein für allemal in Ruhe, diese Realität: "Und außerdem hat die Realität noch nie wirklich interessiert" – meint Raymond Federman.

Natürlich meint Federman das nicht ganz ernst, er meint es ironisch, vielleicht auch parodistisch, so genau kommt es ihm nicht darauf an. Der Leser versteht ja gleich, daß Raymond Federman über die Realität völlig ungeniert hinwegblinzelt. Er hält die Realität für etwas Abgeschmacktes, Uneindeutiges, und außerdem fummeln auch noch die Medien daran herum. Früher, zu Zeiten J. F. Kennedys, sagt Federman, da habe man – etwa in den USA – noch an die Realität glauben können, Kennedy sei der Garant für einen solchen Glauben gewesen, doch dann hätten sich die Medien zwischen die Realität und den Leser geschoben, und damit habe die Literatur eine neue Richtung bekommen, die selbstreflexive.

Selbstreflexiv bleiben die Literaten unter sich, sie zitieren sich gegenseitig, sie zitieren das Vergangene, immer den Text als Text im Auge, ein einziges Herbeischreiben der Leere. Schlimm nur, daß die Leser dafür so wenig Verständnis aufbringen, selbst die Kritiker nennen das Selbstreflexive oft leichtsinnig "experimentell", und dann verkauft sich das Selbstreflexive schlecht, und die Autoren können schauen, wo sie bleiben mit ihrem Selbstreflexiven.