Von Joachim Fritz-Vannahme

Strahlend verließ der Vater das Foyer eines Pariser Gymnasiums. Seine Tochter hatte nicht die Nerven gehabt, sich an diesem Julimorgen ihr Abiturzeugnis selbst abzuholen. Doch die Angst war unbegründet, sie hatte bestanden wie drei Viertel aller Prüflinge. Und ihr Vater glaubte sich um eine Sorge ärmer – voreilig: Denn für rund 500 000 Schulabgänger beginnt mit dem Abitur in der Tasche erst der leidvolle Irrweg durch ein völlig desolates Bildungssystem.

Das Hochgefühl, wenigstens nicht zu jenen 100 000 Franzosen zu gehören, die das Schulsystem ohne Abschluß verlassen, hält bei vielen Abiturienten gerade einen Sommer vor. Fast jeder zweite von ihnen wird gleich im ersten oder spätestens im zweiten Studienjahr das Handtuch werfen. Auch wenn viele Studienabbrecher doch noch irgendwie ihren Weg in die Arbeitsgesellschaft finden, lastet die erschreckende Zahl der Gescheiterten wie ein Schandmal auf dem Bildungssystem.

Die achtziger Jahre haben an der permanenten Bildungskatastrophe in Frankreich wenig verbessert. Die neunziger Jahre drohen sie noch zu verschärfen. Denn die linken Regierungen unter Präsident François Mitterrand haben es sich seit 1985 in den Kopf gesetzt, bis zum Ende des Jahrtausends achtzig Prozent eines Altersjahrgangs zum Abitur zu führen. Dann würden jährlich 1,7 Millionen junger Franzosen über den Aufgaben ihres bac, ihres Baccalaureats schwitzen, würden an den Universitäten rund eine halbe Million Studenten mehr die eh aus den Nähten platzenden Hörsäle füllen und müßten über 200 000 zusätzliche Lehrer für Universität und gymnasiale Oberstufe gefunden werden. Das Erziehungsbudget, mit 263 Milliarden Franc (rund achtzig Milliarden Mark) größter Haushaltsposten in Frankreich, müßte dafür praktisch verdoppelt werden. Rund neunzig Prozent des Budgets aber entfallen auf fixe Kosten und Unterhalt – und die verbleibenden zehn Prozent ließen noch keinem Erziehungsminister viel Spielraum für überfällige Reformen.

Schon das Wort Reform genügte im vergangenen Jahrzehnt, um Schüler oder Studenten scharenweise auf die Straßen zu treiben. 1986 zwangen die Demonstranten den gaullistischen Erziehungsminister Alain Devaquet zum Rücktritt und zum Rückzug seiner Hochschulreform, 1990 konnten die Schüler in den Straßen erst mit dem Versprechen zusätzlicher Milliardenmittel beschwichtigt werden. Und in diesem Sommer hatte der frischgebackene Erziehungsminister Jack Lang nichts Eiligeres zu tun, als die umstrittenen Vorschläge für die "Universität 2000" seines Parteifreundes und Amtsvorgängers Lionel Jospin flugs zu entschärfen oder ganz auf Eis zu legen: Lang läßt jetzt statt dessen die grauen Mauern der Uni-Gebäude streichen ...

Der Aufstand gegen die Malaise im Erziehungssystem wurde für die Jugendlichen längst zu einer Art "existentiellem Ritual", wie der Soziologe Edgar Morin diese zyklischen Revolten nennt.

Anderthalb Millionen Beamte sind im Erziehungswesen beschäftigt – ein sozialistischer Politiker nannte sie einmal die Rote Armee im französischen Staat. "Unsere Lehrergewerkschaft kann jeden Erziehungsminister stürzen", brüstete sich vor acht Jahren ein Gewerkschaftsführer. Doch seither hat die sozialistische Föderation de l’education nationale (FEN) über 150 000 ihrer 500 000 Mitglieder verloren und in diesem Jahr zudem ihr Monopol eingebüßt. Auch wenn diese Organisation zu den treuen Hilfstruppen der regierenden Linken gehört, waren viele Parteipolitiker erleichtert. Denn unter den sieben Plagen des französischen Bildungssystems ist der Corpsgeist und Egoismus dieser Gewerkschaft nicht die geringste: Kein Lehrer war ohne ihre Zustimmung versetzbar, keine Schule konnte ohne ihr Ja umgebaut oder neu gebaut werden.