Von Hansjakob Stehle

Die Pille gegen nationalistischen Irrsinn ist noch nicht erfunden – oder hat sie etwa der amerikanische Pharmafabrikant mitgebracht, der seit Mitte Juli als Ministerpräsident eines auf Serbien und Montenegro geschrumpften "Jugoslawien" in seiner Heimatstadt Belgrad residiert?

Der Selfmade-Millionär Milan Panić, geschäftlich mit umstrittenem Ruf, doch politisch unbestritten arg- und ahnungslos, scheint so recht in die chaotische Szene auf dem Balkan zu passen. Haben ihn gar, wie man munkelt, die Amerikaner in die serbische Hauptstadt gelotst – als "pazifistische Geheimwaffe", weil sie eine Intervention scheuen? Oder meinte der Serbenpräsident Milosevic, weniger naiv, diesen amerikanischen Serben benutzen zu können, um sich ein milderes Image zu verschaffen?

Solche Spekulationen verblassen jedoch hinter den Sprüchen, die Panić von sich gibt, scheinbar ohne sich seiner tatsächlichen Ohnmacht bewußt zu sein. "Der Krieg hat schon um fünfzehn bis siebzehn Prozent nachgelassen", verkündete er allen Ernstes vorige Woche, während das Gemetzel in Bosnien und die Flüchtlingstragödie weiterging. "Ich biete jedem 5000 Dollar, der mir ein Konzentrationslager für Moslems und Kroaten zeigt", rief er, nachdem er bei Subotica eines besucht und "nur" Flüchtlinge vorgefunden hatte. Als in einem anderen zwei Amerikaner entdeckt wurden, die auf der Seite kroatischer Freischärler gekämpft hatten, übergab Panić sie stolz "seiner" Botschaft in Belgrad.

Überhaupt möchte er – "das ist mein exzellenter Friedensplan" – alles aus den Vereinigten Staaten stammende Kriegsgerät einsammeln lassen und an die Amerikaner zurückverkaufen. "Für einen guten Panzer kann man eine Million Dollar bekommen, und mit dem Geld ließe sich das zerstörte Bosnien wiederaufbauen", meint Panić. Seinen politischen Weitblick versucht er auch mit der Forderung zu demonstrieren, die Welt dürfe "unter keinen Umständen erlauben, daß sich Deutschland wiederbewaffnet".

Da dürfte bei dem 63jährigen eine ferne Erinnerung geblieben sein. Als nämlich der junge jugoslawische Radsportler nach einem Rennen 1956 zunächst in Holland blieb und dann sein "Herz in Heidelberg verlor", wo er auch sein Chemiestudium fortsetzte, entstand gerade die Bundeswehr inmitten heftiger Kontroversen. In einem Serben, der mit vierzehn Jahren als armer Leute Kind mit Titos Partisanen gelaufen war, konnte der Anblick neuer deutscher Soldaten nur Schrecken auslösen und den Widerwillen gegen alles Militärische stärken. Das Stipendium einer kalifornischen Universität ermöglichte ihm den Sprung in die "bessere Welt", wo Erfolg in Geld, nicht in nationalen und ideologischen Gewinnen berechnet wird.

Panić, der geübte Sportler, verstand zu schwimmen, ohne je unterzugehen oder auf dem trockenen zu sitzen. Sein ICN-Konzern (International Chemical and Nuclear), den ein amerikanisches Wirtschaftsjournal abschätzig ein "Durcheinander von Firmen, die alles verkaufen" nannte, gründete er im Jahr 1966 mit den sprichwörtlichen 200 Dollar in der Tasche. Nach 25 Jahren erreichte das Unternehmen einen Jahresumsatz von fast einer halben Milliarde Dollar, freilich, nicht ohne immer wieder ins Zwielicht zu geraten.