Vielleicht muß man Engländer sein, um eine Geschichte so erzählen zu können: rührend, realistisch und übersinnlich. Robert Westall, Kunsterzieher an einer Schule in Cheshire, schreibt von "Liebe, Krieg und mehr Unfaßbarem", und ausnahmsweise ist über den Untertitel eines Buches sogar nachzudenken.

Der Plot könnte eindeutig sein: die Qualen eines Dreizehnjährigen, der sich in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt und dies untragbar findet. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, der aus Schulkindern einer englischen Hafenstadt Experten für Zigarettenbilder und Strichlistenführer versenkter Schiffe macht. Der Tod von Valerie, der Bob Bickerstaffes Leben verändert. Jugendliebe, Kinder im Krieg, früher Tod – Geschichten, so oft wiederholt, daß sie sich selbst erzählen.

Nach 97 Seiten drei Sätze, die das Buch verwandeln: "Was ich bisher erzählt habe, war wahrscheinlich leicht zu glauben. Weil jeder Spitfires und Heinkels und Luftschutzwarte aus Büchern kennt. Was jetzt kommt, ist vielleicht schwieriger." Bob Bickerstaffe findet in einer alten Jacke den Schlüssel zum Haus seiner Freundin Valerie. Er schleicht in das unbewohnte Anwesen, sucht nach der toten Valerie, bis er sie endlich sieht: im Spiegel.

Er hat sein Versprechen eingelöst: zu kommen, wenn sie sich verirrt hat, um sie zu holen. Zuerst berührt sie ihn nur zart an der Schulter, mit einer eiskalten Hand, die ihm alle Wärme entzieht, und dann holt sie ihn unmerklich zu sich. Das Leben mit einer Toten, die Lust nach der Kälte – der Junge beginnt eine Welt zu verlassen, die ihm immer banaler erscheint.

"Das Versprechen" läßt das Irreale faßbar und die Realität unfaßbar werden. Die begeisterten Anfeuerungsrufe zu einem Luftkampf zwischen deutschen und englischen Jagdflugzeugen, die Spielregeln der Erwachsenen bei der Leichenfeier um die aufgebahrte Valerie erscheinen unnatürlicher als die Sehnsucht nach einer Toten, als der Kampf gegen den Wunsch, kalt zu werden und Valerie Wärme zu geben.

Bob Bickerstaffe kehrt ins Leben zurück. "Du mußt den Leuten geben, was sie brauchen, nicht, was sie wollen", erklärt ihm Valeries Vater. Und vielleicht sind es diese Stellen, die das Buch so unverwechselbar machen. Einfache, komplizierte Wahrheiten neben poetischem Humor, Zeilen, von Rührung getrübt, neben wunderbar albernen Szenen. "Mitten im Gekicher verzieh ich ihr alles Unrecht, das ich ihr angetan hatte." Manche Bücher sind so gut wie jeder seiner einsamen Sätze.

Konrad Heidkamp