Nicht lange nach der samtenen Revolution in der Tschechoslowakei 1989 spielte sich in den Straßen Bratislavas ein seltsames Ereignis ab. Während heute die slowakische Regierung größere Unabhängigkeit von Prag fordert und im Land Stimmung gegen die "Kolonialisierang" durch die Tschechen gemacht wird, gab sich vor kurzem die slowakische Hauptstadt einem Historienspiel hin. Die Zeremonie der Habsburgerin und späteren Kaiserin Maria Theresia anläßlich ihrer Krönung zur ungarischen Königin im Jahr 1740 wurde nachgestellt. Eine hübsche blonde Schauspielerin ritt als Maria Theresia im Krönungsmantel durch die Gassen der Altstadt zum Platz des slowakischen Aufstands. Auf dem Krönungshügel schwang sie symbolträchtig das Schwert in alle vier Himmelsrichtungen: ein Zeichen für den hochherrschaftlichen Willen, das Land vor allen Feinden zu schützen.

Besser als durch diese Inszenierung kann der Identitätswirrwarr der neuen Hauptstädter nicht verdeutlicht werden. Denn was zelebriert die heftig nach internationaler Anerkennung strebende Hauptstadt der Slowakei mit der Maria-Theresien-Feier anderes als k. u. k. Nostalgie. Bis 1918 gehörte Bratislava, das damalige Preßburg, zur Provinz Oberungarn.

Ein Mißverständnis? "Schnurzegal", mögen sich die Stadtväter gesagt haben, "alles, was Bratislava Bedeutung verleiht und Touristen bringt, ist gut."

In Bratislava häufen sich die Mißverständnisse. Das fing 1535 an, als die Stadt neben Preßburg noch den ungarischen Namen Pozsony trug. Als Hauptstadt von Ungarn und Krönungsstadt der ungarischen Könige war sie eine reine Verlegenheitslösung, denn der ursprüngliche ungarische Königssitz Buda war von den Türken besetzt, und irgendwo mußte schließlich den Königen die Krone aufs adlige Haupt gedrückt werden. Bald stellte sich diese Wahl als sehr bequem heraus, denn die in Wien regierenden Habsburger mußten nur sechzig Kilometer reisen, um sich zu ungarischen Königen salben zu lassen. Später baute man eine elektrische Straßenbahn von Wien nach Preßburg. Aber die Tram benutzten weniger die gekrönten Häupter als die trinkfreudigen Wiener, die es sich in den Weinstuben Preßburgs bei Karpatenwein und geräuchertem Hirtenkäse wohl ergehen ließen.

Das friedliche, hübsche Städtchen mit seinen vielen barocken Palais, Kirchen und Toren war für die Wiener nichts weiter als ein Vorort jenseits der Donau und für einen Ausflug allemal gut. Sogar Wienerisch wurde hier mehrheitlich gesprochen. Die Weinbauern waren zumeist Karpatendeutsche, Geschäfte wurden ebenfalls auf Deutsch getätigt. Nur auf den Ämtern mußte man Ungarisch sprechen und auf dem Bauernmarkt Slowakisch. Die Hälfte der Einwohner Preßburgs waren Deutsche, ein Drittel Ungarn und ein Sechstel Slowaken.

Und heute: Bratislava als Hauptstadt einer souveränen Slowakei? Auch hier besteht ein Mißverständnis. Die Slowaken hatten seit ihren zaghaften Freiheitsbestrebungen im 19. Jahrhundert alles andere, nur nicht Preßburg als künftige slowakische Hauptstadt im Sinn. Wenn überhaupt, so fand sich in den Städten St. Martin und Nitra die nationale Intelligenz, aber nicht in dieser sehr österreichischen Grenzstadt an der Donau.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des österreichisch-ungarischen Reiches sollte Preßburg einen exterritorialen Status, etwa wie San Marino, bekommen. Doch dann besetzten tschechische Legionäre auf Weisung Prags die Stadt und schafften somit für die künftigen Grenzen der neugegründeten Tschechoslowakei vollendete Tatsachen, welche die Alliierten nachträglich sanktionierten.