Von Slavenka Drakulić

Am Wahltag herrscht Bullenhitze, über 35 Grad. Einer von diesen Tagen, an denen man auf der Straße kaum jemanden antrifft. Und doch haben sich gegen zehn Uhr morgens auf dem Platz in Sovinjak ungefähr fünfzehn Leute versammelt, zumeist ältere Männer.

"Was für ein Tag!" seufzt mein Nachbar Karlo und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Man sieht, daß es dieser Regierung unter den Nägeln brennt. Wieso hätten sie auch sonst so schnell Wahlen ausgeschrieben, mitten im Sommer? Der Krieg geht weiter, aber sie haben nichts Vernünftigeres zu tun, als Wahlen auszuschreiben ..."

Ich verbringe den Sommer in Sovinjak, einem kleinen Ort mitten auf der Halbinsel Istrien. Kirche, Gemischtwarenladen, Schule und Friedhof – alles in allem etwa zwanzig Häuser, die größtenteils schon Ruinen sind. Hier leben nur zwanzig Leute, darunter vier Kinder, fünf mittleren Alters, die übrigen sind Alte.

Auf den heruntergekommenen Häuserfassaden steht noch immer: Wir wollen Tito. Paradox: Diese verlassenen Städtchen in Istrien sind heute die einzigen Orte in Kroatien, wo Titos Name noch zu lesen ist. Einfach weil es niemanden gab, der ihn weggewischt hätte.

So kommt es, daß in Sovinjak der Präsident Tudjman von seinem Wahlplakat direkt auf Titos Namen schaut. Und da Tudjman, ein ehemaliger General Titos, immer noch sein guter Schüler, Kommunist und Autokrat ist, kommt es, daß gerade Sovinjak zum Ort der symbolischen Kontinuität wird.

Das Wahllokal für ungefähr 250 Einwohner aus vierzehn Dörfern und Weilern wird etwas später als geplant geöffnet, weil das zuständige Mitglied des Wahlausschusses verschlafen hat. "Es hätte ja sowieso niemand so früh am Morgen gewählt", sagt Luciano augenzwinkernd. Nirgendwo gibt es amtliche Zeichen – keine Fahne, kein Wappen. Erst gegen Mittag kommt einer auf die Idee, daß man eine Fahne aushängen müsse – der Ordnung wegen, damit "die da oben" nichts zu beanstanden hätten. Die Leute treten langsam in den Raum und machen Kreise um die Namen auf den Stimmzetteln, zuerst die Männer, dann die Frauen, und dann bleiben sie noch stehen und unterhalten sich über den Weingarten oder die Traktorreparatur.