Schwierig, sich vorzustellen, wie jemand fünf Jahre lang über siebzig Menschen fragt, sie mit Tatsachen konfrontiert, erzählen läßt – und wie er dann drei Jahre damit zubringt, die dabei gedrehten 150 Kilometer Film und 8000 Seiten Text in einen dreiteiligen Fernsehfilm zu verwandeln. Unbegreiflich aber ist, daß er, inständigem Insistieren zum Trotz, damit nicht zur besten Sendezeit ins erste Programm komplimentiert wurde, weil das Thema die schläfrig gewordene Nation aufzurütteln geeignet war, sondern ins dritte Programm versteckt. Es handelte sich um "Den Prozeß", der den Tätern des Konzentrationslagers Majdanek gemacht worden war – und um Eberhard Fechner, der sich diese unendliche Mühe auferlegt und dabei ein Kunstwerk hervorgebracht hatte.

Doch welchen seiner fürs Fernsehen gemachten Dokumentarfilme man immer nennt – "Nachrede auf Klara Heydebreck", "Comedian Harmonists", "Im Damenstift" oder "Wolfskinder", zu schweigen von Spielfilmen wie Kempowskis "Tadellöser & Wolff" –, ein jeder ist für sich unübertrefflich und, viel wichtiger, unvergeßlich. Nun, da ihr Schöpfer im Alter von 65 Jahren gestorben ist, fragt man die alten Fragen neu: was an seinen Filmen so anders war, was sie so erschütternd, so sympathisch, so einprägsam gemacht hat, so vollendet. Es gab niemanden seinesgleichen – nur einen, der das ganze Gegenteil von ihm war, Georg Stefan Troller, dessen Fernsehportraits von seiner Redseligkeit lebten.

Eberhard Fechner aber hat kein Wort in seinen Filmen geredet, man hörte ihn nicht einmal fragen, er teilte nur die Antworten mit, die er, der Rechercheur, erbeten, hervorgelockt, provoziert hat, mit Geduld und großer Diskretion und vermöge gründlichen Wissens. Daß diese Tatsachenerforschungen zur Zeitgeschichte (in Gestalt von Personen) zu Kunstwerken wurden, verdanken sie der Methode ihrer Zubereitung, dem Sammeln, Ordnen, Kombinieren, Schneiden, Zusammenfügen, etwas, das Fechner wohl nur mit der Hilfe seiner kongenialen Mitarbeiter, seiner Frau und seiner Cutterin Brigitte Kirsche so gelingen konnte. Wahrscheinlich war sein größtes Talent die Art, seine Filme zu komponieren.

Fast ist darüber vergessen, daß er zuvor ein erfolgreicher Schauspieler und daß er schon vierzig war, als Egon Monk ihm das Feld des essayistischen Dokumentarfilms eröffnete. Suchte man nach einem Motto, fände man es bei Eberhard Fechner: "Jede Sache hat doch vier Seiten, nicht nur eine." Manfred Sack