Jeder kennt des Kaisers neue Kleider. Jeder kennt das Kind, das den Schein entlarvt, indem es ausspricht, was jeder sieht, aber nicht zu sagen wagt. Warum also neu erzählen, was dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen so unnachahmlich zweideutig gelang? Vielleicht, weil sich in Michael Hatrys und Willi Glasauers Neufassung dieses Kind träge auf den Schultern des Vaters fläzt und mit dem Finger in der Nase popelt. Öffentlich! Und dann, als der Kaiser beim Rednerpult angelangt ist, ganz langsam eben diesen Finger aus der Nase zieht und damit auf den Kaiser zeigt. Der Popelfinger als kritische Öffentlichkeit!

Michael Hatry ist in seinen Zweideutigkeiten von Anfang an eindeutiger. "Es war einmal ein Land, das war reich und schön und wurde von einem Kaiser regiert, der war auch reich, aber nicht ganz (oder nur fast) so schön." Da kann keine Märchendeutung den Herrscher zum psychologischen Prinzip stilisieren. Die Satire kommt zu ihrem Recht. Des Kaisers neue Kleider sind der Filz, mit dem sich die Hierarchien abpolstern, und wenn Minister oder Beamte nicht mit der Mode gehen, dann werden sie eben ins Archiv versetzt, zum Erbsenzählen abgeordnet oder zum Schuhputzer degradiert.

Doch die Aktualität dieses gekonnt neu durchdachten Bilderbuches ist nicht einfach aufgesetzt. Da Kinder den Kaiser heute als bloße Märchenfigur sehen, während Andersens Text in seiner Zeit weitaus konkreter war, als alle braven Neuausgaben seither erkennen ließen, kompensiert diese Neuinszenierung nur den Verlust an damaliger Schärfe. Wen wundert’s also, wenn sich jetzt auch die Minister ständig umziehen. Die Stupidität der Mode-Fraktion wird nicht nur kritisiert, sie wird sichtbar.

Wie Hatry seine Satire mit hintergründigen, aber auch flapsigen Zugaben spickt, so arrangiert Willi Glasauer sein Dekor: Die Kulissen geben nicht einfach ein kaiserliches Ambiente ab, sie bilden ironische Räume. Requisiten werden anachronistisch kombiniert, Minister im Gehrock, Smoking oder Minnie-Maus-T-Shirt stehen bei der Audienz zusammen, und die beiden "Gentlemen" beziehen mit ihren Webstühlen eine leerstehende Fabrikhalle, in der ein von Wurfpfeilen gespicktes Karl-Marx-Poster die Eingangstüre schmückt.

Man kann das bemerken, Kind muß es nicht. Es bleibt genügend: Der blinde Bettler, auf der Bild-Zeitung sitzend, die ersichtlichen Kleinigkeiten rund um die unsichtbaren Kleider, die gewagten Perspektiven und schrägen Zimmer, wo Kaiser und Untertanen nur deshalb im Lot zu stehen scheinen, weil der Künstler die Räume schief ins Buch setzt. Daß die Bilder indes nicht auseinanderbrechen, dafür sorgt Glasauers unspektakuläre Schraffurtechnik. Sie modelliert und vereint zugleich – da er auch die Farben in kleinen Strichproportionen aufträgt – Raum und Figuren zu einem unwirklichen Ganzen. Eine Groteske in zarten Tönen.

Andersen nennt die beiden Fremden schlicht "Betrüger", als wolle er die Hochstapeleien des Hofes entschuldigen. Hatry, der den Kaiser als Modenarren charakterisiert, spricht folgerichtig von zwei "Gentlemen" und macht sie damit zu Mitspielern des Systems. "Die beiden Gentlemen waren nicht nur in der ganzen Welt zu Hause, sondern bestimmt auch im ganzen Alphabet."

Ist auch der Kritiker im ganzen Alphabet zu Hause? Oder ist er bloß ein weiterer Minister, wenn er von eben dieser, kaum ganz durchschaubaren Formulierung schwärmt? Nun, Kritik soll – unter anderem – ihre Freude an gelungenen Neuschöpfungen weitertragen, allenfalls wissentlich naiv, vor allem aber mit spielerischem Genuß. Denn wenn Kunst nicht auch Spiel wäre, wer würde dann mitspielen.