Am Herrenoberkörper dominiert das fliederfarbene Seidenhemd. Andere haben aus dem Kleiderschrank gezogen, was irgendwie feierlich aussieht, den irgendwie grauen Konfirmationsanzug für den Herrn, den weißlichen Spitzenkragen für die junge Dame. In der S-Bahn läßt sich abends um halb acht zwischen den Haltestellen Sternschanze und Holstenstraße der Besucher der Neuen Flora leicht erkennen; auch wenn er normalerweise einem Reisebus aus Winsen an der Luhe entsteigt.

Vor Beginn des "Phantoms der Oper" blenden ein paar hundert Glühbirnen die Zuschauer; geblendet sehen sie nicht, daß die Wände des Zuschauerraums hinter den Lampen ohne Putz sind. 1989 durfte jeder Ziegelstein des Neubau-Theaters im Hamburger Schanzenviertel nicht mehr als fünfzig Pfennig kosten. Bei der rasenden Baugeschwindigkeit wunderte sich der Projektleiter nachher, daß es keine Toten gab. Jetzt bittet ein gerade volljähriges Pärchen ein anderes gerade volljähriges Pärchen, vom Gang weg zwei Sitze nach rechts zu rücken: "Meine Freundin hat ein Gipsbein und möchte gerne ihr Bein ausstrecken." Weil er eine Krawatte trägt, sagt er "Sie". Das andere Pärchen antwortet nicht einmal. Man hat 300 Mark für die beiden Karten bezahlt und wird sich keinen Zentimeter irgendwohin bewegen. Sich unterhalten zu lassen ist eine große Anstrengung. Die Frau neben dem Mädchen mit dem Gipsbein weint vor Aufregung den ganzen Abend lang.

Das Programmheft kostet einen zweistelligen Betrag und beginnt mit einer Lobrede auf den Koproduzenten, das "unternehmerische Naturtalent" Rolf Deyhle. Gegen ihn liefen und laufen, wie in der Zeitung stand, verschiedene Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Während die Musiker ihre Instrumente stimmen, erfährt der Zuschauer sein unternehmerisches Erfolgsrezept: "Sich intensiv um die Aufgaben, die man hat, kümmern und sie leidenschaftlich verfolgen."

Wer noch nie in der Oper war, wird den Darsteller des Phantoms der Oper für einen Sänger halten. Die Zweitbesetzung der weiblichen Hauptrolle ist die Tochter eines zweitklassigen Hollywood-Schauspielers. Selbst der hinterste Sänger in der letzten Reihe links hat noch, wie das Programmheft unter einem Farbphoto verrät, bedeutende Gesangswettbewerbe in Amerika gewonnen. Da fragt man sich, warum er jetzt auf der Bühne der Neuen Flora in der letzten Reihe steht, aber nicht laut, weil man alternde Künstler mit solchen Fragen sehr unglücklich machen kann. "Schließ die Augen und schweb’ im Geist davon", singt das Phantom, "und verlier’ dich im Reich der Illusion." Im Auditorium wächst der Verbrauch an Tempotaschentüchern.

Pause. Im Foyer ist der Wein teuer, dafür aber auch gut. Vor allem jedoch gibt es Champagner. Zur Premiere des "Phantoms" bewarfen Demonstranten die Zuschauer mit faulem Obst, traten die Scheinwerfer ihrer Autos ein und zündeten andere Autos an. Befürchtet wurde die "Yuppiesierung" des Viertels, die Verdrängung von Döner-Stuben durch Edelrestaurants. Yuppies sind zwei Jahre später im Publikum kaum auszumachen. Die paar, die da sind, lächeln. Sie wissen, daß man in unserer Gesellschaft besser gute Miene macht, wenn man betrogen wird. Die anderen Zuschauer lächeln nicht und versuchen, ihrer Unsicherheit auf andere Weise Herr zu werden. Im Schanzenviertel ist die Neue Flora ein Brückenkopf der Kleinbürgerlichkeit.

Bei Planungsbeginn nannte der Hamburger Kultursenator das neue Musical-Theater "eine große kulturelle Chance". Der Bau soll 80 Millionen Mark gekostet haben. Vor einem Jahr, ein Jahr nach der Premiere des "Phantoms", hatte die Neue Flora 73 Millionen Mark umgesetzt und 700 000 Besucher durch das Theater geschleust. Alle beteiligten Künstler scheinen zu wissen, daß man mehr Geld verdienen kann, wenn man sich unter Wert verkauft – vorausgesetzt, das Marketingkonzept stimmt. Nach der Vorstellung bieten junge Leute den Zuschauern frische Salzbrezeln an. Die Verkäufer sehen ungefähr so aus wie die Premieren-Demonstranten vor zwei Jahren. Eine Salzbrezel kostet zwei Mark. Robin Detje