Von Rolf Michaelis

Ist das noch Salzburg? Nicht mehr die musikalischen Mozart-Kugeln (und seien sie von Verdi gedrechselt), sondern ein KZ-Stück wie die Oper in drei Akten von Leos Janáček "Aus einem Totenhaus" (1930), nach dem Bericht des in ein Sträflingslager verbannten russischen Erzählers Dostojewskij? Nicht mehr die szenischen Nockerln von Raimund, Nestroy, Hofmannsthal, sondern ein zugleich symbolistisch schäumendes, archaisch karges Drama wie der Dreiakter "Die Hochzeit" (1901) des polnischen Maler-Dichters, Architekten und Buchgestalters Stanislaw Wyspianski (1869 bis 1907)?

Ist und bleibt Salzburg. Das Schreck-Stück der Nach-Karajan-Ära, Janáčeks "Totenhaus"? Mit Beifalls-Stürmen an der Salzach willkommen geheißen. Das polnische National-Drama, Wyspianskis "Wesele" (Das Hochzeitsfest), mit guten deutschen, österreichischen Darstellern von einem bedeutenden polnischen Regisseur angeleitet? Im Achtungs-Applaus erstickt.

Mozart war und ist und bleibt Salzburg – es gilt auch der Umkehrsatz: Salzburg war und ist und bleibt Mozart. Die Neu-Inszenierung der gern als Nebenwerk geschmähten opera seria des Jahres 1791, "La Clemenza di Tito", wurde zu einem beifalls-umbuhten Sieg des inszenierenden Paares Ursel und Karl-Ernst Herrmann.

In Salzburg alles beim alten? Als der in zehn Jahren auf dem Direktor-Stuhl des Brüsseler Opernhauses erfolgreiche Gerard Mortier nach Karajans Tod die Leitung der Festspiele übernahm, versprach er, Salzburg nicht als (auch musikalisches) Schlemmer-Fest für Westler im südöstlichen Winkel Europas bestehen zu lassen. Nach den politischen Veränderungen im Ostblock wollte er die Festspiele nach Osten öffnen.

Das war nicht zu ahnen: daß zwei Jahre später, da Mortier und seine künstlerischen Mitarbeiter, vor allem Peter Stein als Direktor des Schauspiels, ihr erstes Programm vorstellen, Kriegslärm aus dem Nachbarland – wenn nicht Ohr, so doch Kopf und Herz der Zuschauer beschäftigen. Wirkt der Spielplan des Hitze-Sommers 1992 nicht wie ausgekocht für die Qual der Menschen in der Region, die wir jetzt unbefangen wieder Mittel-Europa nennen können?

Knapp drei, vier Auto-Stunden östlich der Salzach, an Save, Drina, Neretva, wütet ein Bürgerkrieg. Dessen Totschlag-Fieber erreicht Peter Steins Inszenierung von Shakespeares Bürgerkriegs-Tragödie "Julius Caesar" in der Felsenreitschule (ZEIT 31. Juli 1992) in der Fünf-Minuten-Szene, in der ein von Phrasen verdummter Pöbel einen Poeten auf offener Straße in Stücke reißt. Tobt wirklicher oder geträumter Krieg nicht auch in den anderen Stücken, mit denen die Salzburger Festspiele unter neuer Leitung eröffnet wurden – unter dem gerade noch besänftigten Aufstand von Mozarts "Titus", in dem im Suff geborenen, mit dem Morgen-Nebel verfliegenden Bauern-Aufstand von Wyspianskis "Hochzeit"-Phantasie?