Von Antonella Romeo

Palermo: Für den, der an den Rechtsstaat glaubt, ist die Normalität dieser Stadt der reine Wahnsinn. Nicht, daß die Bomben normal wären. Sie sind nur das letzte Mittel zur Wiederherstellung des normalen Wahnsinns.

Was hier anomal ist, ist der Alltag: der Besuch beim Arzt, die Ausstellung einer Geburtsurkunde, das Autofahren, das Busfahren, die Bewerbung um eine Stelle im öffentlichen Dienst, die Müllbeseitigung; anomal ist: die Kinder zum Spielplatz zu begleiten, Zigaretten zu kaufen; auf die Bank zu gehen, auf die Toilette, ins Restaurant; Wasser aus der Leitung zu trinken.

Um einen Arzttermin oder eine Geburtsurkunde zu bekommen, braucht man die Vermittlung eines Freundes oder Bekannten; Auto fährt man, ständig hupend im höllischen Verkehr, unter Mißachtung aller Regeln; Beamter wird man nur mit Empfehlung eines Politikers (möglichst der Mehrheitspartei); der Erwerb eines Busfahrscheins ist mehr ein Zeichen guten Willens denn eine Notwendigkeit; der Müll liegt überall; Spielplätze gibt es nicht; Zigaretten werden auf der Straße verkauft und sind ausschließlich Schmuggelware; ganze Stadtteile sind ohne Kanalisation – wo es sie gibt, führt sie statt in die Kläranlage direkt ins Meer; die Höhe der Rechnung im Restaurant richtet sich nach der Bedeutung des Kunden wie auch die Geschwindigkeit der Bedienung und die Qualität des Weines; das Trinkwasser ist ungenießbar und kommt ohnehin nur jeden zweiten Tag aus der Leitung.

Es ist die Cosa Nostra, die dem Chaos dieser 800 000-Einwohner-Stadt ohne Recht ihre Ordnung, ihr Gesetz aufzwingt: Kleine Hilfen und Zahlungen hält sie für jene bereit, die das System respektieren; Angst und Leid bringt sie über die, die es mißachten.

Doch der Unrechtsbrecher in Palermo gibt es von Tag zu Tag mehr: aufrechte Bürger, die das System der favori, der "Gefälligkeiten", nicht akzeptieren – Menschen, die arbeiten, die ihre Kinder und die Kinder anderer zum Verzicht auf Gewalt anhalten, Menschen, die malen, die Bücher herausgeben, die lesen, Menschen, die in ihren Ferien in die Bretagne fahren (wo sie sich dann beinahe entschuldigen müssen, Sizilianer zu sein, und ständig das Wort Mafia um die Ohren geschlagen kriegen).

Einige dieser Sizilianer sind noch zu Lebzeiten außerhalb Italiens bekannt geworden – wie der Richter Giovanni Falcone. Andere erst nach ihrem Tod – wie der Unternehmer Libero Grassi, den die Cosa Nostra am 29. August des vergangenen Jahres ermordete, nachdem er öffentlich erklärt hatte, er wolle nicht zahlen. Noch andere bleiben namenlos auch im Tod – wie die acht Polizisten aus den Eskorten der Richter Falcone und Borsellino.