Von Bernd Loppow

Düsseldorf ist ein Mißverständnis. Auf keiner anderen deutschen Stadt lasten mehr Vorurteile als auf der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Laut, neureich und oberflächlich seien die Düsseldorfer, mokieren sich die einen – Weltoffenheit und Herzlichkeit schätzen die anderen. Düsseldorf gilt als Schreibstube des Ruhrgebiets, Laufsteg der Topmodels, Hochburg der Werbung, Zentrum der bildenden Kunst – also als Kapitale des Scheins. Alles ist irgendwo richtig und alles ist auch falsch, was an einem Wochenende in Düsseldorf überprüft werden kann.

Samstag morgen auf der Kö – wie die Flaniermeile Königsallee von allen genannt wird – ist Einkaufszeit. Schon an den Autokennzeichen ist leicht zu erkennen: Die meisten, die sich auf dem knappen Kilometer Bürgersteig zwischen Hofgarten und Graf-Adolf-Straße drängeln, kommen aus Essen oder Oberhausen, Wuppertal oder Mettmann. Samstags gehört die einstige Einkaufsstraße des Wirtschaftswunders den Shopping-Touristen.

Jene echten Düsseldorfer, mit teurer Lagerfeld-Kollektionsware am Körper und einem Labrador an der Leine, in Armani-Anzügen und mit Toni-Gard-Krawatten, werden dabei wie selbstverständlich zu Akteuren eines Boulevardtheaters. Sie spielen sich selbst vor und in den Kulissen der teuren Läden. Den Besuchern bleibt der Zuschauerraum Straße. Nur wenige können sich die teuren Stücke der edlen Auslagen leisten. Deshalb befriedigen sie ihre Kauflust in den Warenhäusern oder den günstigeren Geschäften am Rande der Altstadt.

In der Kö-Galerie, seit ihrer Eröffnung im Herbst 1985 Düsseldorfs protzigste Einkaufsadresse, kommen Schnäppchenjäger allerdings fast immer auf ihre Kosten. Angesichts astronomischer Mieten fluktuiert es in der Passage gewaltig: Irgend jemand hat immer Ausverkauf.

Aber es wird nicht nur geschaut, gekauft und angeschafft. Nach überstandenem Einkaufsbummel trinkt man nach ortsüblicher Sitte ein frisches Alt, jenen dunklen Gerstensaft, der seinen Namen der "alten" obergärigen Brauweise verdankt. Nirgends schmeckt das Alt besser als in den traditionellen Hausbrauereien. Die schönsten sind das "Schumacher" an der Oststraße, mit 153 Jahren Düsseldorfs älteste und traditionsreichste Brauerei, und das "Uerige" in der Altstadt. Hier rollen die Köbesse, wie die Kellner in ihren blauen Hemden und mit blauen Schürzen heißen, im Abstand von dreißig Minuten neue Fünfzigliterfässer heran.

Auf dem Platz vor dem "Uerigen", an der Ecke Bergerstraße/Marktstraße, wo die Menschen an Sonnentagen in Dreierreihen Schlange stehen, ist niemand davor gefeit, von Straßenclown Pascal in dessen One-man-Show eingebaut zu werden – Passanten mit Einkaufstüten, um die Ecke biegende Autofahrer, sogar Polizisten sind bereitwillig dabei. "Das geht nur mit den Düsseldorfern", lobt Pascal sein Lieblingspublikum. Deshalb tingelt er schon seit vier Jahren während des Sommers in den Düsseldorfer Altstadtgassen herum.