Von Helga Hirsch

Split

Vor dem Krieg dienten die Häuser im Fertigbaustil am Rande von Split als Wohnheime für bosnische Arbeitskräfte, die ihr Geld in Kroatien verdienten. Heute wohnen Flüchtlinge hier: Frauen, Kinder, Alte und wehrunfähige Männer, die von der kroatischen Polizei nicht nach Bosnien abgeschoben wurden. Ein unwirtlicher Ort. In den Geschäftsräumen hängt Schweiß in der Luft, im Betonboden hat sich die Hitze festgesaugt. Aber immerhin ist es ein sicherer Ort. Hier zerbirst keine Granate aus serbischen Geschützen, hier braucht sich niemand vor Kugeln aus serbischen Gewehren zu ducken.

In einem der Häuser lebt Marko Joskic. Ein mittelgroßer, schmächtiger Kroate mit kurzgestutztem Haar, das nicht mehr nachwächst an der Stelle, wo ihm die Schläge und Tritte der Serben eine schwere Kopfverletzung zufügten. Marko ist einer der wenigen, die den Lagern in der sogenannten Serbischen Republik Bosnien und Herzegowina entrannen. Am 13. Juli wurde er gemeinsam mit vier weiteren Gefangenen auf dem Berg Vlasić Smet oberhalb von Travnik gegen fünf serbische Soldaten ausgetauscht. Marko Joskic ist frei. Doch mit seinem geschenkten Leben weiß er bisher nichts anzufangen. Noch hält ihn die Welt gefangen, an die er am liebsten nicht denken möchte, über die er nur ungern und zögernd spricht.

Alles begann am 17. April. Um das Osterfest gemeinsam mit Frau und Kindern zu verbringen, machte sich Marko von seinem Arbeitsort Split auf zu seinem Geburtsort Dobratić bei Jaice, nordwestlich von Sarajevo. Doch die Reise ging kurz vor dem Ziel in Donje Vakuv zu Ende. Bewaffnete Männer in Uniform zogen ihn und drei Kollegen aus dem Bus. "Ich kannte sie", sagt Marko in der ihm eigentümlichen Sprechweise, bei der er die Wörter fast wieder verschluckt, als sollten sie nicht hinaus in die Welt. "Es waren Arbeitskollegen aus meiner Firma Pomgrad in Split." Nun schlugen serbische Arbeiter mit Fäusten auf ihre kroatischen Kollegen ein, traten sie mit Füßen und stießen sie in einen Kombi, der sie über die bosnische Grenze ins serbisch besetzte Kroatien nach Stara Gradiska brachte – in das berüchtigte Gefängnis. In dem hatten schon im jugoslawischen Königreich, bei den Ustascha und bei den Kommunisten politische Gefangene eingesessen. Die Wärter zwangen ihn auf die Knie, hießen ihn einen Brandstifter und sprangen vom Tisch auf ihn herunter. Neunmal fiel er in Ohnmacht, das Blut lief ihm vom Kopf, der Körper schwoll blau an, später wurde seine Haut ganz schwarz.

Nicht nur Marko litt. Ein einziges Mädchen war im Lager, ein zwölfjähriges Kind. "Das ganze Personal hat sie im Gang vergewaltigt. Wir alle mußten zusehen. Zwei Tage lang lag sie ohnmächtig in unserer Gefangenenzelle. Am dritten Tag kam sie zu sich, benahm sich aber wie eine Betrunkene. Am fünften Tag schaffte man sie fort. "Du wirst uns einen Tschetnik gebären!" schrien sie hinter ihr her. "Ich weiß nicht einmal ihren Nachnamen. Aber ihr Vorname war Nazra."

In Stara Gradiska blieb Marko fast zwei Monate. Erst als die UN-Schutztruppen (UNPROFOR) die besetzten Gebiete übernahmen, wurde er am 12. Juni nach Manjača verlegt, wo er bereits tagsüber gearbeitet hatte. Manjača, sagen die Bosnier, sei eines der schlimmsten Lager. Im Oktober 1991 hatte die jugoslawische Armee erstmals 650 kroatische Soldaten auf dem einst als militärischen Übungsplatz genutzten Gelände untergebracht. Heute sind nur Zivilisten wie Marko hier – Zwangsarbeiter zur Versorgung der 30 000 Schafe, 10 000 Kühe und 5000 Pferde, die die Serben im ganzen Umkreis zusammengestohlen haben.