Von Christoph Bertram

Wer hoffte oder fürchtete, mit der neuen Resolution des UN-Sicherheitsrates sei die Entsendung westlicher Truppen nach Bosnien beschlossene Sache, wird bald eines Besseren belehrt werden.

Denn auch wenn nun "alle erforderlichen Maßnahmen", militärische eingeschlossen, zum Schutz der Hilfe für die Belagerten, Gefolterten und Gefangenen von Bosnien-Herzegowina völkerrechtlich erlaubt sein sollen, ist doch niemand verpflichtet, sie zu ergreifen. Im Golfkrieg war eine ähnliche Ermächtigung glaubwürdig, weil dahinter der unzweideutige Willen Amerikas und seiner Verbündeten stand, davon Gebrauch zu machen. Heute dagegen gibt es niemanden, auch Amerika nicht, der führen will, und kaum einen, der folgen will. Die jüngste UN-Resolution ist daher nur eine weitere jener Papierdrohungen, welche die Welt den Aggressoren in Jugoslawien mannhaft entgegengeschleudert hat.

Dabei ist die Entsendung von Kampftruppen nach Bosnien dringend angebracht – nicht aus heißer Empörung über die viehischen Grausamkeiten dieses Krieges, sondern aus kühler Erkenntnis, daß ohne solche Intervention unsere eigenen Sicherheitsinteressen unmittelbar gefährdet sind – durch die wachsende Wahrscheinlichkeit, daß der Konflikt sich in der Region und über die Region hinaus ausbreitet; durch das serbische Kriegsziel, mit Hilfe "ethnischer Säuberung" Millionenheere von Flüchtlingen in Marsch zu setzen; schließlich durch die Präzedenzwirkung, die dieser Verhöhnung aller Absprachen über europäische Konfliktverhütung und Konfliktbeilegung innewohnt. Andere werden sich anderswo, morgen oder übermorgen, zur Nachahmung ermuntert fühlen, wenn das Risiko für die "Säuberer" so gering bleibt wie bisher.

Erstens: Das Morden in und um Bosnien-Herzegowina kann zum Flächenbrand werden, der auch das übrige Europa versengt. Schon heute sind zwei Nato-Staaten, Griechenland und die Türkei, in ihn einbezogen: die Griechen, weil sie eigennützig zusehen, wie das UN-Embargo gegen Serbien unterlaufen wird; die Türken, weil sie auf Schutz für die moslemischen Glaubensbrüder in Bosnien drängen und sich schon bereiterklärt haben, eine Brigade in das Kampfgebiet zu entsenden.

Noch ist die Lage in Serbien ruhig. Aber die große ungarische Minderheit in der serbischen Vojvodina fühlt sich von Belgrad unterdrückt, die zwei Millionen Albaner im Kosovo sind entrechtet. Je länger der Konflikt wütet, desto größer ist die Gefahr, daß andere Staaten hineingezogen werden: Albanien, Ungarn, Bulgarien, Griechenland und die Türkei. Und er wäre selbst nach einem serbischen Sieg nicht zu Ende. Grenzen, die durch Mord, Folter und Vertreibung gezogen wurden, werden nie friedliche Grenzen sein. Jetzt nicht zu intervenieren, heißt, die mögliche Ausweitung des Konflikts in Kauf zu nehmen.

Zweitens: Die Strategie der "ethnischen Säuberung", vor allem von Serben angewandt, zielt darauf, unliebsame, weil ethnisch und religiös andersartige Bevölkerungsteile in die Flucht zu treiben – je mehr, desto besser. Es geht den Serben in Bosnien nicht darum, Kroaten und Moslems zu unterjochen, sie wollen sie vielmehr aus ihren Dörfern und Städten werfen. Großserbien soll "moslem- und kroatenfrei" werden, um die Flüchtlinge sollen sich andere kümmern.