Von Karl-Heinz Büschemann

Die Stimmung im Verband der Branche scheint besser zu sein als die Lage: "Femsehen ist ein Milliarden-Geschäft", jubelte die Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (GFU) anläßlich der Olympischen Spiele von Barcelona. In diesem Jahr würden weltweit allein für Farbfernseher 57 Milliarden Mark ausgegeben. Der Interessenverband von vierzehn deutschen Unternehmen der Unterhaltungselektronik hat allerdings vergessen hinzuzufügen, daß es sich um ein wenig profitables Geschäft handelt. Der Markt für Fernsehgeräte, Videorecorder, Hifi-Geräte oder Autoradios steckt nämlich in einer tiefen Krise. Verluste sind an der Tagesordnung.

Alle drei großen europäischen Konzerne in dieser Branche erleben gerade ein Desaster. Der französische Branchenvertreter Thomson, der einst bekannte deutsche Marken wie Telefunken, Saba oder Nordmende schluckte und sich in Deutschland einen üblen Namen als Jobkiller machte, erlitt allein in den Jahren 1990 und 1991 in diesem Bereich Verluste von je etwa 800 Millionen Mark – ein herber Schlag bei etwa 10 Milliarden Mark Umsatz. Katastrophal sind auch die Zahlen bei Philips, dem größten europäischen Anbieter. Im ersten Quartal dieses Jahres muß der niederländische Konzern, der sich gerade von einer umfassenden Krise zu erholen versucht, im Geschäft mit Unterhaltungsequipment einen Verlust von rund neunzig Millionen Mark konstatieren. Und das nach einem gleich hohen Gewinn noch im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Konzernchef Jan Timmer spricht von "gewaltigen Problemen auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik". Dabei haben die Niederländer in einer Rationalisierungswelle seit 1989 schon über 10 000 Arbeitsplätze gestrichen. Verluste schreibt neuerdings auch die Fürther Grundig AG, die zu 31,6 Prozent Philips gehört, aber von den Niederländern wie eine Filiale geführt wird.

Preiskrieg an allen Fronten

Und keinen Deut besser geht es dem Nokia-Konzern, dem Dritten im Bunde der großen europäischen Konsumelektronik-Hersteller: Bei 2 Milliarden Mark Umsatz fuhren die Finnen im vergangenen Jahr einen Verlust von 85 Millionen Mark ein. Selbst die schwäbische Schneider AG, die lange Zeit der heimische Lichtblick und Hoffnungsträger dieser von den japanischen Konkurrenten so zerrupften Branche war, stürzte 1991 in eine solche Krise, daß das Familienunternehmen sogar zum Sanierungsfall wurde. Bernhard Schneider, Mitinhaber des Unternehmens aus Bayern, meint nur: "Wenn sich nicht bald etwas tut, sehe ich schwarz für die Branche."

Wenig tröstlich ist für die Europäer, daß sie nicht allein die Leidtragenden sind. Die Flaute hat ein weltweites Ausmaß. Auch die fernöstlichen Konkurrenten erleben schlimme Rückschläge. Sogar das bisher so erfolgreiche japanische Stammhaus von Sony mußte im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust verkraften. Beim Weltmarktführer Matsushita (Marken: Technics, Panasonic), bei Hitachi und Toshiba schrumpften die Gewinne gewaltig um die Hälfte und mehr.

Der weltweite Konjunktureinbruch spielt den Konzernen einen gewaltigen Streich. Die von Siemens-Chef Karlheinz Kaske immer etwas geringschätzig als "Amüsierelektronik" bezeichneten Produkte verkaufen sich am besten, wenn die Konsumenten ihre wirtschaftliche Zukunft positiv sehen. Das tun sie offenbar nicht mehr. Und die Hoffnungen auf die neuen Märkte in Osteuropa sind einer riesigen Ernüchterung gewichen. Fehlende Kaufkraft läßt von dort für längere Zeit keinen Optimismus aufkommen. Die Folge der Nachfrageflaute: Auf dem ganzen Erdball tobt ein Preiskrieg für alle Arten von Heimelektronik, der die Gewinne der Unternehmen drückt oder ihnen Verluste beschert. Laut Philips sanken die Preise der Branche im vergangenen Jahr um fünf Prozent. In deutschen Schaufenstern können nun schon CD-Spieler für 99 Mark bestaunt werden. Markenfernsehgeräte mit einer Bildschirmdiagonale von 55 Zentimetern sind bereits zum Rekordtiefpreis von 399 Mark zu haben.