Unser Jahrhundert ist groß im Töten. Der Massenmörder Ceauşescu hat auch die deutschrumänische Literatur auf dem Gewissen. Und sein Vorbild Stalin hat höchstpersönlich der sowjetjüdischen Literatur den Garaus gemacht. Auf seinen Befehl wurden in der Nacht vom 12. August 1952 im Keller des Lubjanka-Gefängnisses in Moskau die bedeutendsten Autoren der sowjetjiddischen Literatur erschossen.

Vor vierzig Jahren starb ein ganzes Reich der Kultur, als mit Genickschuß niedergestreckt wurden der 1900 in der Ukraine geborene Itzik Fefer, der ein Jahr ältere, ebenfalls aus der Ukraine stammende David Hofstein, der Dichter und Romancier aus Rußland Lejb Kwitko (geboren 1890), der 1895 in Wolhynien zur Welt gekommene Erzähler und Dramatiker Peretz Markisch und David Bergelson, Verfasser eines Dramas mit dem Titel "Mir.wiln lebn" (Wir wollen leben), der an seinem 68. Geburtstag sterben mußte. Mit ihnen wurden in jener Nacht hingerichtet: mindestens neun andere Intellektuelle der sowjetjüdischen Kultur, Übersetzer(innen), Theaterleute, Ärzte. Auf dem von Stalin zu verantwortenden Totenschein stehen in drei Jahrzehnten die Namen von 238 jüdischen Schriftstellern, 106 Schauspielern, 87 Malern oder Bildhauern, 19 Musikern.

Wer zählt die Namenlosen? Deshalb sollten wir am 12. August, einem Trauertag der Literatur, auch an die Millionen Toten jiddischer Sprache denken, die das Feindespaar Hitler/Stalin in mörderischem Einvernehmen umgebracht hat. Vor dem Krieg sprachen in aller Welt mehr als zwölf Millionen Menschen die "Nah"- oder "Neben-Sprache des Deutschen", wie die Sprachwissenschaftler das Jiddische nennen.

Und heute? Hat Stalin mit seinem Schießbefehl nicht auch das Todes-Urteil über eine ganze, große Welt der Kultur und eine Sprache verhängt? Hat der in Frankfurt lebende Kenner der jiddischen Sprache und Literatur, Arno Lustiger, nicht recht? Bei den "6. Tagen der Jiddischen Kultur" in Berlin stellte er vor kurzem die Frage, ob mit den Dichtern des 12. August, ob schließlich mit dem am 25. Juli 1991 gestorbenen, einzigen Nobelpreisträger jiddischer Literatur, Isaak Bashevis Singer, nicht noch mehr dahingegangen sei: "Die jiddische Literatur hat ihre Leser verloren... Ist auch Jiddisch tot?"

Der Tod dieser Sprache und Kultur ist deshalb so tragisch, weil ihr – anders als bei Hitler, der ihr Tod geschworen hatte – eine neue Blüte verheißen war. Schon kurz nach der Februar-Revolution erließ die Provisorische Regierung am 16. März 1917 ein Gesetz, das die Jahrhunderte währenden Begrenzungen der Juden aufhob: Die Verfolgten von gestern wurden gleichberechtigt, sie konnten von 1917 bis 1948 mehr als 7000 Bücher in Millionen-Auflagen herausbringen. 1926 durften sie an der chinesischen Grenze ihr eigenes Siedlungsgebiet gründen, die seit 1934 "Autonome Jüdische Sowjetrepublik Birobidschan".

Auch wenn es nach der Oktober-Revolution 1917 und im folgenden Bürgerkrieg immer wieder zu Pogromen kam: Die junge Sowjetunion galt bald als Heimat für Juden. Aus aller Welt kamen die einst Verjagten nach Rußland zurück und kämpften im Krieg für ihr Vaterland. Als die jüdischen Arbeiterführer Wiktor Alter und Henryk Ehrlich zur Verteidigung der Sowjetunion ein "Internationales Jüdisches Antifaschistisches Komitee" gründeten, ließ Stalin sie sofort hinrichten. Die Gründung eines rein sowjetischen "Jüdischen Antifaschistischen Komitees" (JAFK) erlaubte der Diktator: Die mehr als drei Millionen Dollar, die Juden in aller Welt zur Unterstützung der Roten Armee spendeten, waren willkommen.

Doch kaum war der Krieg gewonnen, ließ Stalin die Juden schlimmer verfolgen als der Zar. Von 1949 bis 1958 durfte kein einziges jiddisches Buch erscheinen. Tausende wurden, ohne Prozeß, an die Erschießungswand gestellt oder in Arbeitslagern zu Tode gefoltert.