FERNSEHEN G E R N S E H E N

Eine Sommerserie (4)

Von Benjamin Henrichs

An einem Tag im blauen Mond September, genauer gesagt am 9. 9. 1991, wurde unser bester Freund, Herr H., hinterrücks verkabelt. Und am nämlichen Tag bekam er zum ersten Mal in seinem Leben Haustiere. Unglaublich.

Denn beides hatte H. nicht gewollt und nicht bestellt. Kein Fernsehtechniker und kein Tierhändler hatte in jenem September die Schwelle zu seiner bescheidenen Wohnstatt überschritten. Und doch war es geschehen. Dabei hatten wir, seine längst vollverkabelten Freunde, noch H.s Hohnrufe im Ohr. "Kabelfernsehen? Niemals!" hatte er immer wieder stolz erklärt. Und seine eiserne, nahezu neurotische Abneigung gegen tierische Hausgenossen (sabbernde Hunde, schleichende Katzen, kotende Sittiche u. ä.) hatte oft schon zum Spott im Freundeskreis geführt. Und nun dieses! "Ich bin verkabelt", sagte H. – und lächelte gequält. "Ich habe jetzt ein Aquarium", sagte H. – und schaute gerührt. Was war geschehen?

*

Die alte Fernsehwelt des Herrn H. war klein und überschaubar. Im Ersten Programm der sonore Herr Veigel. Im Zweiten der unvergessene Herr Jelaffke. Im Dritten der charmante Herr Törzs. Wenn das Wetter mitspielte, kam ein Viertes Programm hinzu, schwarzweiß und rieselnd: das Fernsehen der Deutschen Demokratischen Republik mitsamt dem Herrn von Schnitzler.