Von Helmut Kuhn

Anfang Juli kam es auf der Fifth Avenue zu einer Szene, wie sie Manhattan seit Jahren nicht gesehen hatte: Als sich der Präsidentschaftskandidat Bill Clinton seinen Weg durch die Menge zum Parteitag der Demokraten bahnte, winkten ihm aus einem Wagen mit offenem Verdeck barbusige Mädchen zu. Sie entstammten, so war am Werbeschriftzug zu erkennen, dem "Goldfingers", einer beliebten Gogo-Bar New Yorks.

Der Kandidat ließ sich nichts anmerken. Er lächelte und winkte wie üblich. Die Umstehenden reagierten gemischt: Einige Männer pfiffen begeistert, Mütter hielten ihren Kindern die Hand vor die Augen. Die Kameras der großen Fernsehanstalten, sonst dankbar für jede Abwechslung, sahen in die andere Richtung.

Jeder wußte, was geschehen war: Am Vortag hatte das Oberste Landesgericht in Albany entschieden, daß Frauen im Staate New York wieder oben ohne gehen dürfen, und damit einen sechsjährigen Rechtsstreit beendet.

Sieben Frauen waren 1986 in einem New Yorker Park verhaftet worden, weil sie sich nach einem Picknick mit bloßem Oberkörper gesonnt hatten. Ein Schnellgericht verurteilte sie zu jeweils 200 Dollar Bußgeld. Die Nackten, so lautete damals die Begründung des Senators Jeremy Weinstein, hätten "die Familien von den Stränden verdrängt". Er wollte ein Zeichen setzen und konnte sich dabei auf ein Gesetz aus dem Jahre 1967 berufen. Die sieben Frauen gingen in die Revision. Ihren Erfolg jetzt nennt ihr Anwalt einen "Triumph der Frauenrechte".

Das neue Ja zu oben ohne fällt in eine Zeit, in der Amerikas Sittenwächter trotz aller Anstrengungen der Lust am Genuß machtlos gegenüberstehen. Je tiefer das Land in die wirtschaftliche Rezession sinkt, desto mehr Freunde (und Freundinnen) gewinnt die Promiskuität: "Das Pendel schwingt extrem von einer konservativen zur hedonistischen Haltung um. Wir verbuchen einen dramatischen Anstieg offener Sexualität", erklärte June Reinisch, Leiterin des Kinsey-Instituts der Universität Indiana in einem Interview des New York Magazines. Die Sexualforscherin meinte drastisch: "Wenn die Bomben fallen, dann kriechen die Menschen unter die Tische und lieben sich."

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