Von Nina Grunenberg

Mit 340 Jahren ist die Leopoldina in Halle die älteste Akademie der Naturwissenschaften auf der Welt, und Benno Parthier ist ihr 24. Präsident. Als er das ehrenvolle Amt übernahm, lag die Wende gerade ein halbes Jahr zurück, und die Zukunft der Leopoldina war plötzlich schwerer beschreibbar geworden als ihre ruhmreiche Vergangenheit.

Im geteilten Deutschland war die Akademie eine der letzten Klammern zwischen Ost und West. Sie hatte sich als Institution behauptet, ohne daß die SED ihr beigekommen wäre. Wie ein "Urgesteinsblock" stehe sie in der deutschen Wissenschaftslandschaft, erläuterte Parthier den Generalsekretären der westdeutschen Wissenschaftsorganisationen, als sie ihn im Sommer 1990 zur Vorstellung nach Bonn einluden. Sie wollten wissen, mit wem sie es zu tun hatten.

Benno Parthier ist ein zurückhaltender Mann, nicht dazu geboren, das große Rad zu schlagen. Die Generalsekretäre dagegen sind abgebrühte Fuhrleute, die Präsidenten kommen und gehen sehen. Parthier brauchte ihre Unterstützung, wenn er in Bonn finanzielle Förderung für die Leopoldina lockermachen wollte. Bis zur Einheit erhielt sie einen jährlichen Zuschuß von 800 000 Ost-Mark. Den Generalsekretären muß sich die kulturhistorische Bedeutung der "Leo" jedoch schnell erschlossen haben. Auch wenn er mitunter fast scheu wirkt, so weiß Parthier doch, was er will. "Finanzielle Autonomie und politische Unabhängigkeit galten ihr viel", sagte er ihnen damals, "aber sie hatte dieses nie ganz: Immer mußten Kaiser, Fürsten und Minister als Förderer und Protektoren zupacken, um sie am Leben zu erhalten."

Die Privilegien, von denen die Leopoldina in gewisser Weise noch heute zehrt, wurden ihr von Leopold I. verliehen, der damit das kaiserliche Ansehen im Heiligen Römischen Reich zu heben hoffte. Er garantierte seiner "Reichsakademie" zwar keine großen Reichtümer, dafür aber die Unabhängigkeit "von den herrschenden Dynastien in den einzelnen Ländern", dazu Zensurfreiheit und das Nachdruckverbot ihrer Publikationen. Ob es Parthier gelingen wird, dieses Erbe in die Zukunft zu retten, ist eine Frage, die ihn – in den nächsten Tagen wird er sechzig Jahre alt – innerlich beschäftigt. Ohne jede Koketterie gesteht er: "Ich fände es schlimm, wenn es später einmal hieße, daß unter meiner Präsidentschaft Dinge bschlossen wurden, die kurzsichtig gewesen sind oder die aus Ängstlichkeit heraus geboren wurden."

Zu den Verdiensten seiner Vorgänger gehört, daß sich die Leopoldina über die braune wie über die rote Diktatur "mit maximal machbarem Anstand" rettete. Auf politische Kompromisse hat sie sich bei der Wahl ihrer wissenschaftlichen Mitglieder nie eingelassen. Druck hat sie mutig widerstanden. Im Präsidium der Akademie saß niemals ein SED-Mitglied. Womit nicht gerechnet wurde, waren Mitglieder, die als Informelle Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes auf zwei Schultern trugen. Diese Entdeckung schmerzte, weil sie ihre Naivität vor Augen führte. Die Leopoldina hatte geglaubt, von der moralischen Misere des Regimes nicht betroffen zu sein. An ihrem guten Ruf änderte sich nichts.

Stark in schweren Zeiten machten sie vor allem auch jene Mitglieder, die nicht zur DDR gehörten, die aber zu jeder Jahrestagung nach Halle kamen – nicht nur aus der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich, den deutschen "Stammlanden" aus den Zeiten Kaiser Leopolds, sondern aus aller Welt. Ernstlich hat die SED aber wohl nur einmal, Ende der sechziger Jahre, daran gedacht, die "Leo" aufzulösen. Wie es heißt, protestierten damals am heftigsten ihre sowjetischen Mitglieder und setzten ein Veto des Kreml in Ost-Berlin durch. Für den Fall der Fälle saß im Präsidium der Leopoldina auch immer noch ein auswärtiger Vizepräsident, der aus der Bundesrepublik kam und die Geschäfte hätte weiterführen können. In den sechziger Jahren war das der Biochemiker Adolf Butenandt. Bei Bedarf zückte er seine Nobelpreis-Medaille und erinnerte an die Einladung, den Sitz der Leopoldina wieder nach Schweinfurt zu verlegen, den Ort ihrer Gründung.