Von Carmen Korn

Im Traum ist sie noch auf der Suche nach dem Vater, sieht ihn vor sich. In Hut und Mantel. Mit der Aktentasche. Ohne die Tasche. Manchmal sieht Ingeborg Hecht ihn auch auf der Rampe stehen. Dann hofft sie, daß der Vater das Lager Auschwitz gar nicht erst gesehen hat, gleich vom SS-Arzt Mengele von der Rampe gewinkt und ins Gas geschickt wurde. Es tut ihr dann leid, daß sie den Gedanken nicht verschweigen kann. Sie ist behutsam mit den anderen.

Die Aktentasche gibt es noch. Sie zeigt sie. Das Leder ist längst zerschlissen, der Boden durchlöchert. Nichts läßt sich mehr darin transportieren. Schon gar nicht die kleinen Geschenke, die der Vater bei der letzten Begegnung für seine Familie hatte. Von den kargen Rationen abgespart, die es für die Juden gab.

Als es anfing, mit Ingeborg Hecht zu geschehen, war sie elf Jahre alt. Doch der Tag der Machtergreifung des Adolf Hitler berührte noch nicht das leichte Leben der Tochter aus gutem Hause. Vater Felix Hecht, Anwalt, jüdisch. Mutter Edith, Hausfrau, nun arisch genannt.

Erst zwei Monate und zwei Tage später, am 1. April 1933, dem zwölften Geburtstag der Ingeborg Hecht, traf sie auf die braunen Herren, die sie daran zu hindern suchten, in einen Hamburger Süßwarenladen zu gehen. Die alten Damen, denen er gehörte, guckten aus verweinten Augen auf die kleine Kundin, die sich in das jüdische Geschäft traute, und schenkten ihr zum Krokant noch Marzipan.

Die Ausgrenzung der Juden hatte begonnen. Erste Stufe auf der Treppe in eine Hölle. Lang her und nah genug, um noch uns Nachgeborenen in die Träume zu dringen und die friedlichen Nächte zu nehmen. Die anderen haben das leben müssen. Ingeborg Hecht auch.

Antisemitismus ist ein Wort dafür, wenn Menschen hassen, sagten die Eltern eines jüdischen Kindes auf dessen Frage nach diesem Wort. Ingeborg Hecht hat den Haß überlebt. Ihr Vater ist in Auschwitz ermordet worden, ihre Tante, andere Verwandte, die ganze Juden waren und nicht halbe wie Ingeborg und ihr Bruder.