Von Maria Horn und Dietmar H. Lamparter

Beim Aufbau Ost sind Deutschlands Konzerne ganz vorne mit dabei. Diesen Eindruck jedenfalls versuchen die Vorstände in Geschäftsberichten und wohlfeilen Reden zu vermitteln. Die wegweisende Parole hatte der Chef des größten deutschen Unternehmens ausgegeben. Das "notwendige Aufbauwerk Ost" könne nicht nur Sache des Staates sein, verkündete Daimler-Benz-Vorstand Edzard Reuter, "es geht entscheidend um die privatwirtschaftliche Initiative".

Mit eindrucksvollen Zahlen und Versprechungen wird dann auch nicht gespart. "Unser Engagement kann sich sehen lassen", verkündete Wolfgang Hilger, Vorstandschef der Hoechst AG aus Frankfurt am Main. Der Chemieriese will bis Ende 1995 annähernd 600 Millionen Mark in den neuen Bundesländern anlegen, die Konkurrenten Bayer und BASF haben Investitionen in ähnlicher Größenordnung zugesagt. Siemens will "in Kürze" bereits eine Milliarde Mark in seine fünfzehn ostdeutschen Fabriken gesteckt haben, wie der designierte Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer stolz verriet.

Noch spektakulärere Taten will die Automobilbranche vollbringen. Die Strategen von Daimler-Benz planen für ihren Anteil an der privatwirtschaftlichen Initiative in den nächsten Jahren Summen zwischen 2,5 und 3 Milliarden Mark ein – vom Lkw-Werk bis zur neuen Zentrale der Dienstleistungstochter Debis in Berlin. Opel hat im vergangenen Jahr bereits eine halbe Milliarde Mark in sein neues Werk im thüringischen Eisenach gesteckt, und für 1992 haben die General-Motors-Bosse in Detroit ihrer Tochter nochmals dieselbe Summe genehmigt. Eingedenk seiner ostdeutschen Abstammung setzte VW-Konzernchef Carl H. Hahn noch eins drauf: Satte fünf Milliarden Mark wollen die Autobauer aus Wolfsburg für neue Werke in Zwickau und Chemnitz bis Ende 1995 als "größter privater Investor" ausgegeben haben. Und auch die großen Energiekonzerne von Bayernwerk bis RWE wollen sich ihrer vaterländischen Verantwortung nicht entziehen. Wenn etwa der Energie- und Chemiemulti Veba alle Investitionen seiner Töchter und Beteiligungen – von der Raffinerie in Schwedt (Veba Oil) über die Tankstellen (Aral) bis zu den Kraftwerken der Preussen-Elektra – zusammenrechnet, kommt er bis 1996 auf stattliche sieben Milliarden Mark.

Die Summen machen Eindruck. Den dramatischen Schwund an industriellen Arbeitsplätzen zwischen Rostock und Suhl konnten die bisherigen Bemühungen allerdings nicht aufhalten: Die Zahl der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe der neuen Bundesländer stürzte im Laufe des Jahres 1991 von rund zwei Millionen auf nur mehr gut 1,2 Millionen ab. Und bis zum Ende 1992 erwartet das Münchner Ifo-Institut einen weiteren Rückgang um 25 Prozent.

Kein Wunder, daß sich das Engagement der Westkapitalisten aus ostdeutscher Sicht weit weniger eindrucksvoll ausnimmt. "Wenn die westdeutschen Unternehmen die Gewinne, die sie seit der Wende im Osten gemacht haben, auch hier wieder investierten, hätten wir sehr viel weniger Probleme", schildert der Betriebsratsvorsitzende eines großen Chemieunternehmens in Sachsen-Anhalt die vorherrschende Meinung. Und Kurt Biedenkopf, sächsischer Ministerpräsident mit westdeutscher Vergangenheit, fordert gar eine staatliche Investitionslenkung: Westdeutsche Unternehmen, die nicht freiwillig in den neuen Bundesländern investieren, sollen Strafsteuern zahlen, die wiederum aus dem Verzicht auf Lohnerhöhungen finanziert werden sollen.

An flüssigen Mitteln scheint es nicht zu mangeln. Nach Schätzungen der Bundesbank hatten die westdeutschen Produktionsunternehmen zum Ende vergangenen Jahres die gigantische Summe von 1670 Milliarden Mark als Geldvermögen auf der hohen Kante, ein gutes Drittel davon rasch mobilisierbar. Schon im Jahr zuvor stuften die mit strengen Maßstäben messenden Bundesbanker die Finanzlage der Unternehmen als "sehr solide" ein. Die liquiden Mittel, zu denen sie neben den Kassenbeständen und Wertpapieren auch die kurzfristigen Forderungen addierten, deckten die kurzfristigen Verbindlichkeiten damals schon fast vollständig ab. Seither dürfte sich diese Situation nicht grundlegend geändert haben. Allein in den aktuellen Bilanzen der Großchemie (Bayer, BASF, Hoechst) finden sich satte elf Milliarden Mark an liquiden Mitteln, die der Verwendung harren. Aber auch bei Bosch, Daimler-Benz oder Siemens übersteigen die liquiden Mittel die kurzfristigen Verbindlichkeiten meist ganz erheblich. Die aufgetürmte Liquidität konnten sich auch die Bundesbankstatistiker nur als "Mittelansammlung im Vorfeld künftiger Investitionen" erklären. Doch noch ist vom "Aufbauwerk Ost" wenig zu spüren.