Von Ulrich Schiller

Washington

Der amerikanische Wahlkampf kommt auf Touren. Die Demokraten haben mit ihrem bisher brillant operierenden Kandidatengespann Clinton/Gore den Einsatz gewaltig erhöht, und die Republikaner begreifen das allmählich. Sie können sich nicht mehr auf ihr Glück von vor vier Jahren verlassen.

Damals konnte der langjährige Vize Ronald Reagans, George Bush, mit einer einzigen gelungenen Rede auf dem republikanischen Parteitag in New Orleans alle notorischen Zweifel an seinen Führungsfähigkeiten beseite schieben. Als Erbe Reagans genügte es, nur ein "weiter wie bisher" zu versprechen. Selbst die wüstesten Verunglimpfungen des Wahlkampfgegners aus der Trickkiste des eifernden republikanischen Wahlkampfmanagers Lee Atwater galten noch als probates Mittel. Und damals waren die Republikaner in jenem traumhaften Zustand, in dem sich heute die Demokraten befinden: zu Kampf und Sieg entschlossen, optimistisch, selbstsicher und vor allem geeint hinter ihrem Präsidentschaftskandidaten.

Das Blatt hat sich gewendet. Nur wenige Tage bevor am Montag in Houston/Texas der Parteitag der Republikaner beginnt, steht die Grand Old Party in Flügel und Fraktionen zerrissen da. Sie ist verfolgt vom Alptraum des Machtverlusts im Weißen Haus, irritiert von der Schärfe der innerparteilichen Schuldzuweisungen und schockiert vom desolaten Zustand der Wahlkampfführung. Ehemalige Demokraten, die zu Reagan und Bush übergelaufen waren, bekunden unaufgefordert im Gespräch: "Nun aber nicht mehr!" Sie würden diesmal Clinton wählen.

"Politische" Beamte im State Department, also Ernennungen aus der Gunst des Präsidenten, deuten resigniert den möglichen Karrierebruch im November an. The New Republic, ein Wochenmagazin bedingt liberaler Färbung für den gebildeten Leser, kennt keine Hemmungen, die Frage nach einem möglichen Hirnschaden George Bushs aufzuwerfen und zu diskutieren. Auf eine Krankheit namens "Aphasie" seien die Sprachstörungen zurückzuführen, die der Präsident ständig offenbart. Man könne mit dieser Diagnose allerdings auch Mangel an Substanz und "Leere" ausdrücken, höhnt das Magazin.

Zu allem Überfluß sieht sich Bush nun auch noch in ähnlicher Lage wie Monate zuvor Bill Clinton: Die New York Post wärmt die alten Geschichten aus dem Jahre 1984 von einem Verhältnis Bushs zu einer Mitarbeiterin auf. Das Massenblatt stützt sich allerdings auf ein neues Buch, "The Power House", in dem behauptet wird, daß der Abrüstungsbotschafter Louis Fields für den US-Vizepräsidenten George Bush in einem Schweizer Chalet ein Rendezvous organisiert hatte. Präsident Bush stempelte die Behauptung sofort als Lüge ab. Sie kann aber dennoch gefährliche Kreise ziehen, weil er im Wahlkampf den Schutz der "Familienwerte" gegen Bill Clinton für sich in Anspruch nimmt. Bushs Popularitätskurve hat mit 33 Prozent Zustimmung ihren bisherigen Tiefpunkt erreicht.