BONN. – Einen heiteren Abschied vom Sozialismus wird es wohl nicht geben. Denn es war ein Irrtum – wenn auch der harmloseren Art – zu glauben, daß weltgeschichtliche Epochen ihren endgültigen Abschied von der Geschichte als Komödie zu inszenieren pflegen. Zumindest im Westen beherrschten die sentimentalen Komödianten des Sozialismus schon lange die linke Szene, bevor an die Tragödie vom Zusammenbruch des Ostblocks überhaupt zu denken war.

Die bundesrepublikanische Erfindung des Gefühlssozialismus in den siebziger Jahren markierte die Schwundstufe des langen Wegs vom utopischen Sozialismus über den wissenschaftlichen, den ethischen, religiösen bis zum real existierenden. Auf diesem Weg konnten nur schlichtere Gemüter glauben, daß im bunten Wechsel der Attribute sich so etwas wie eine einheitliche Vorstellung von Sozialismus habe retten können.

Der theoretische Anspruch der Vertreter dieser Gefühlsvariante des Sozialismus tendiert inzwischen gegen Null. Adorno, Horkheimer und andere Heroen der Apo-Zeit traten den langen Marsch durch die Antiquariate an. RAF und einige Vermummte hatten ohnehin beschlossen, auf eigene Faust zu denken.

Klippschüler des Sozialismus bevölkerten alsbald die Szene. An die Stelle von Theorie und Diskussion trat die gefühlige Manifestation: Bekenntnisse wurden abgelegt, Menschenketten gebildet, Betroffenheitsrituale inszeniert. Aktionen, deren therapeutischer Wert die politische Funktion längst ersetzt hatte. Narzißmus, nicht Marxismus ist das Fundament dieser starrsinnigen Bewegtheit. Ihre Äußerungen, eingeleitet mit einem stereotypen: Ich denke, Ich meine, Von Rudolf Schmitz Ich glaube ... wollen nichts mehr mitteilen, niemanden überzeugen und schon gar nicht mehr belehren. "Linke Melancholie" nannte Benjamin das noch zärtlich – Hospitalismus als Lebensform ist es.

Nicht Sprachlosigkeit, Mundfaulheit ist das Signum dieses Protestes. So was stellte früher Kerzen ins Fenster und hängt sich heute den Schlafzimmerfensterhorizont mit Bettlaken zu, auf denen patzig ein NEIN prangt. Politikferne Tüchtigkeit im Rituellen.

Letzter gemeinschaftstiftender Faktor zwischen Grünen, Feministinnen, Teilen der SPD und anderen Verwaltern der sentimentalen Endmoräne der einst geschichtsmächtigen Idee des Sozialismus ist das antideutsche Ressentiment. Aber dieses Prunkstück im ideologischen Bauchladen der Linken ist kein auf Ressentimentgröße geschrumpfter Antifaschismus, sondern das Uralt-Klischee deutscher Intellektueller, die von Heine bis Nietzsche sich nur mit geschürzter Oberlippe übers gemeine Volk meinten äußern zu können. Nur verliert dieses Klischee den tantigen Charme einer Intellektuellenattitüde durch die immer wieder beschworene, aber eben nur nachgelieferte Berufung auf den Nationalsozialismus. Suggeriert doch diese vorgebliche Verhinderung jedes anderen Rassismus durch die Erfindung eines eigenen, die Deutschen hätten den Faschismus in den Genen. So ersetzt man fürs gefühlige Publikum die ach so komplizierte Ökonomie politischer Faschismustheorien durch Biologie. Leichtfertig oder bösartig begibt man sich mit dieser Haltung in die bio-ideologischen Ebenen, in denen der Rechtsextremismus schon immer hauste, und treibt ihm die Leute in die Arme, die sich von der mit Penetranz zur Schau gestellten antideutschen Haltung nichts weniger denn diskriminiert fühlen.

Diskreditiert hatte sich diese Linke schon mit ihren Kommentaren zu der Welle von Flüchtlingen aus der ehemaligen DDR. Hämisch wurden Bananen in Kameras gehalten. Jetzt predigt die Linke "Utopie" und "Sozialismus" gegen Marlboro und Golf GTI, wie weiland die Bourgeoisie den Arbeitern christliche Demut empfahl.