Von Gero von Randow

Bestimmte Leute hören in bestimmten Räumen an bestimmten Stellen ein tiefes Summen. Der nervtötende Klang ist kein Brausen, er wird vernehmlich von einem Ton dominiert. Meist sprechen sie nicht darüber – es könnte ja jemand meinen, daß es bei ihnen nicht brummt, sondern piept. Lieber leiden sie still, meiden die klingenden Orte, stellen ihre Möbel um, ziehen weg.

In Großbritannien haben die Unverzagten unter diesen Leidenden einen Verein gegründet, die Low Frequency Noise Sufferers’ Association. Nach zehnjährigem Ringen konnten sie unlängst erreichen, daß Forscher im Auftrag des Umweltministeriums die Quellen des Summens suchen. Rund 500 neue Fälle würden pro Jahr gemeldet, heißt es im Ministerium. Die britischen Brummgeschädigten vermuten allerlei Ursachen für ihre Ohrenqualen, von dumpf dröhnenden Gasrohren bis zu Reizungen des Gehörs durch Mikrowellenradar oder gar durch geheime Strahlenexperimente der Armee. In der Presse, die sie liebt, heißen sie die hummer, also die "Summer", als wenn in ihnen selbst etwas summte.

Bei manchen mag das sogar der Fall sein. Mit "Tinnitus" bezeichnet der Mediziner das Klingen in den Ohren, dem kein wirklicher Schall entspricht. Es weist manchmal auf Erkrankungen des Gehörs hin und kann auch tiefe Frequenzen vortäuschen. Das Symptom ist jedoch ortsunabhängig, anders als das gespenstische Brummen, von dem viele hummer berichten.

Wer es hier hört und dort wieder nicht, der muß sich nun keineswegs für plemplem halten. Vielleicht vernimmt er tatsächlich "tieffrequente Anteile am Industrielärm, verstärkt durch Resonanzen", wie die Ingenieure vom Landesamt für Immissionsschutz (LIS) des Landes Nordrhein-Westfalen das akustische Phänomen nennen, das sie seit zehn Jahren analysieren und mit Erfolg bekämpfen.

Die Essener Behörde setzt ihre Meßtrupps im Auftrag von Gewerbeaufsichtsämtern in Bewegung. Die Ingenieure bauen Mikrophone in den Wohnräumen genervter Beschwerdeführer auf; diese müssen zugleich ein Tagebuch führen. Oft passen Gemessenes und Gehörtes nicht recht zusammen, und es empfiehlt sich der Gang zum Ohrenarzt. Doch in anderen Fällen (im letzten Jahr dreiunddreißig Male allein in Nordrhein-Westfalen) registrieren die Geräte ein deutliches Brummen zwischen 20 und 100 Hertz (Hz) just an den Orten und zu den Zeiten, wo und wann die Belästigung empfunden wird. Und es gibt tatsächlich Menschen, die diese Frequenzen deutlicher hören als andere.

Wir nehmen akustische Schwingungen von ungefähr 20 Hz an aufwärts als Töne wahr, ähnlich wie wir im Kino Folgen oberhalb von 16 Bildern pro Sekunde (entsprechend 16 Hz) als kontinuierliche Bewegung sehen. Wie intensiv wir den Ton empfinden, hängt nicht nur vom Schalldruck (gemessen in dB) ab. Je reiner und je unerwarteter der Klang, desto deutlicher dringt er ins Gehirn. Tiefe Reintöne sind dafür prädestiniert, als unnatürliches Klangsignal die Nerven blankzulegen.