Von Theo Sommer

Seit einem Jahr sieht die Welt in händeringender Verlegenheit zu, wie Jugoslawien immer tiefer in blutigem Chaos versinkt. Die Vereinten Nationen und die Europäische Gemeinschaft, die KSZE und die Nato – alle sind sie bei dem Versuch gescheitert, dem Frieden auf dem Balkan eine Chance zu schaffen. Noch jeder Waffenstillstand, jede Friedensmission, jede Konferenz mündete bloß in neues Blutvergießen. Auch die wirtschaftlichen Sanktionen, die den großserbischen Expansionisten die Luft abschnüren sollten, haben nichts gefruchtet.

Die zivilisierte Welt nahm es achselzuckend hin, wiewohl nicht ohne Gewissensbisse. Was sich da, als die Völker aufeinanderschlugen, an Grausamem abspielte – geschah es "nicht weit hinten in der Türkei" (Goethe), in a faraway country of which we know nothing (Chamberlain)? Bis dann die ersten Flüchtlingswellen Hunderttausende über unsere Grenzen spülten; bis die bosnischen Greuel uns in der eigenen Wohnstube vom Fernsehschirm ansprangen; bis die Berichte von Sammellagern und summarischen Hinrichtungen, von massenhaften Verstümmelungen und Vergewaltigungen, von organisierter Unterdrückung und Vertreibung nicht länger irgendeinen Zweifel erlaubten, daß in Europa aufs neue die Barbarei herrscht.

Der Anblick der ausgemergelten Gestalten hinter dem Stacheldraht von Omarska erinnert an die Insassen von Bergen-Belsen; die serbische Politik der brutalen "ethnischen Säuberung" an Hitlers Versuch, Europa "judenfrei" zu machen. Kein Wunder, daß hierzulande die Emotionen besonders hochgehen. Sollten die Deutschen, des Grauens eingedenk, mit dem sie selber vor einem halben Jahrhundert Europa überzogen hatten, jetzt nicht still und verschämt beiseite stehen? Oder erlegt ihnen, umgekehrt, der Wahnsinn in der eigenen Vergangenheit geradezu die Verpflichtung auf, mit aller Macht darauf hinzuwirken, daß etwas geschieht, den Bedrängten zu helfen und den Bedrängern das Handwerk zu legen?

Die Frage ist freilich, was denn geschehen soll, wenn Worte nicht mehr reichen. Ist es an der Zeit, die balkanischen Greuel militärisch einzudämmen? Diese Frage wird in allen Hauptstädten heiß und heftig diskutiert. Dabei sind die vertrauten Fronten des Kalten Krieges verschwunden: Auf der einen Seite rufen heute Erzkonservative und Erz-Friedensbewegte gemeinsam nach bewaffnetem Eingreifen; auf der anderen Seite vereinen sich ehemalige Stahlhelmer mit anderen Peaceniks in der Warnung vor dem Einsatz von Militär. Fast überall brandet eine aufgebrachte öffentliche Meinung den Befürchtungen der Politiker und der Skepsis der Generale entgegen.

Der UN-Sicherheitsrat hat jetzt den ersten Schritt zur bewaffneten Intervention beschlossen: Fortan sollen die Hilfskonvois nach Sarajevo militärisch abgeschirmt werden. Noch ist nicht klar, wie dies konkret aussehen soll, wie viele Bodentruppen dafür erforderlich sind oder wer sie stellt; die Amerikaner jedenfalls werden sich bloß mit Luftwaffe und Hubschraubern beteiligen. Es bleibt offen, ob Hilfskorridore auch nach Mostar, Goražde und anderen belagerten Städten Bosniens eröffnet werden müssen. Und es steht völlig dahin, was sich aus diesem begrenzten Unternehmen entwickeln mag, wenn die Serben gegen die Konvoi-Schutztruppen vorgehen sollten.

Hinter der Sicherung der Hilfskonvois nach Sarajevo zeichnet sich ein breites Spektrum weiterer Einsatz-Optionen ab. Das beginnt mit der Überwachung einer totalen Blockade, die anders als mit militärischen Mitteln – etwa einer Quarantäne-Flotte an den Donau-Mündungen – schwer zu bewerkstelligen sein wird. Es setzt sich fort mit der Einrichtung von Schutzzonen für Flüchtlinge, die ja bewacht werden müssen. Eine weitere Option wäre die vorsorgliche Stationierung von Friedenstruppen im Kosovo, in Mazedonien und in der Vojvodina, um einer Ausdehnung des Krieges auf diese Gebiete und seinem Übergreifen auf Albanien, Griechenland, Bulgarien oder gar die Türkei und andere Moslem-Staaten rechtzeitig vorzubeugen. Falls die Serben nicht mit ihrem Vernichtungskrieg und Vertreibungskrieg aufhören, werden mit Sicherheit bald Luftangriffe auf ihre Artilleriestellungen, Fliegerhorste, Rüstungsfabriken und Nachschubwege erwogen werden. Auch Waffenlieferungen an die Angegriffenen gehören dann auf die Tagesordnung. Am extremen Ende der Skala steht, mindestens hypothetisch, eine Intervention großen Stils.