ARD, Sonntag, 16. August, 22.35 Uhr: "Wolken über dem Baikal"

Slava Maximow, der das Ökosystem am Baikalsee zu überwachen hat, steigt allmorgendlich auf seinen Berg, um den Sonnenaufgang zu sehen. Für ihn ist die Natur ein Heiligtum, für Lenin war sie eine Werkstatt. Zwei Weltanschauungen, die unvereinbar sind und sehr verschiedene Konsequenzen haben. Daß sie innerlich unfrei seien, sagt Maximow über seine Landsleute, daß sie nicht gelernt hätten, sich selbst ein Ziel zu setzen, sondern warteten, daß ihnen eines gestellt werde.

Ihr Leben sei ein Überleben, sei auf den Augenblick gerichtet und rücksichtslos gegen die Zukunft. Die ökologischen Folgen für den Baikal sind inzwischen unübersehbar. "Wir müssen den Baikalsee und seine Umgebung herausziehen aus dem Niedergang unseres Systems. Viele kluge und zielstrebige Menschen müssen für seine Rettung kämpfen, das ist der einzige Weg."

In dem Film von Joerg Altekruse wird nicht, wie in sogenannten Naturfilmen üblich, das Baikalwasser unter die Lupe genommen, sondern der Seelenzustand seiner Anwohner. Der Autor geht dem Übel auf den Grund, wenn er jene innere Verunreinigung ausfindig macht, die die Ursache ist aller äußeren.

Wir sehen neuerbaute Massenquartiere, die nie ganz fertig wurden und schon halb verfallen sind. Kinder spielen da mit einer kleinen toten Katze, halten sie an den Ohren, ein baumelndes Gespenst, springen beiseite, als der rostige Bus durch die Pfützen schlingert, die hintere Tür schließt nicht mehr, drinnen halten sich Menschen eng gedrängt, mit ausdruckslosen Gesichtern. Wir sehen die brüchige Trasse der Transsibirischen Eisenbahn, die hier noch in der Zarenzeit gelegt wurde. Sträflinge haben erbaut, was an moderner Zivilisation nach Ostsibirien kam, die Städte, die Fabriken. Und wo es keine Sträflinge waren, da haben es Baukolonnen getan, die es doch auf Befehl taten, ohne Eros, ohne Verantwortung, ohne die Beteiligung ihrer besten Kräfte. Die Städte, die Fabriken sind danach, sie sind verloren von Anbeginn und verfallen so rasch, wie sie erbaut wurden.

Da ist das Zellulosekombinat von Baikalsk, das pro Sekunde 3000 Liter reinsten Trinkwassers einsaugt und es verdorben wieder ausspeit, tief unten im See, wo es niemand sieht. Die Robben sterben davon, die einzigen ihrer Art, die es auf der Welt gibt, das Ökosystem kommt aus dem Lot, die Wasserpest grassiert. Am und im Baikal, dem großen Süßwasserreservoir, gibt es eine einmalige Tier- und Pflanzenwelt, die nun schon seit dreißig Jahren unter Ausschluß der Öffentlichkeit vergiftet wird.

Eine ökologische Sabotage, eine Verschwörung gegen das Leben nennt ein buddhistischer Mönch den Vorgang: "Wir fressen uns selber auf, uns und unsere Kinder." Den Glauben der Bujaten, der zusammen mit der kulturellen Identität dieses Stammes ausgelöscht wurde, will er wiederbeleben: "Ohne Glauben keine Zivilisation." Den Baikal nennt er ein großes buddhistisches Heiligtum: "Sind wir gut, sind wir zivilisiert? Nein, wir sind Barbaren." Der Selbsthaß begegnet überall dort, wo Menschen zu Bewußtsein gekommen sind.