Von Konrad Heidkamp

Wohin mit der CD von Don Byron? Dem ersten Impuls folgend ins Jazz-Fach. Aber dann steht sie zwischen Dave Brubeck und Charlie Byrd: die richtige Kleidung im falschen Lokal. Für die Abteilung "Moderne Klassik, Experimentelles und Artverwandtes" klingt sie zu erdig, zu sehr dem Jazz-Outfit verpflichtet. Aber der Klarinetten-Walzer am Anfang und Schumanns "Auf einer Burg" am Ende? Ironie, Zitat oder bewußter Bruch?

Man muß nicht jede Musik dazu mißbrauchen, ein ästhetisches Grundsatzreferat zu halten und sie auf ihre postmoderne Verträglichkeit abzuklopfen, man kann sich bei dem jungen, schwarzen Klarinettisten und Saxophonisten Don Byron darauf beschränken, ihm ein großes Debüt zu bescheinigen. Musikalische Intelligenz und spielerische Unbekümmertheit oder einfach Kopf und Herz als Einheit. Im Zentrum der CD steht ein Titel, der Erinnerungen an John Coltranes "Africa" oder "India" wachruft – "Tears". Sich verdichtende und treibende Klangwolken der Gitarre Bill Frisells, sparsame Akkordfarben des Klaviers und darüber die elastische Kraft der Klarinette – Rhapsodie in Gefühl. Und trotzdem versinkt hier niemand in purer Schönheit. Immer wieder wird sie gebrochen von schrägen Perspektiven, von abstrahierenden Abschweifungen, von expressiven Emotionen. Auch Bill Frisells Gitarre erlaubt sich diesmal keine ihrer üblichen Manierismen, bleibt durchsichtig, dämpft Geräuschexplosionen auf Zimmerlautstärke und improvisiert, daß man sogar davon Abstand nimmt, dies als Gitarrensolo zu empfinden.

Don Byron wählt für jedes Stück ein spezielles Besetzungsmenü: für den klassischen Dialog, die Duke-Ellington-Hommage, die Klezmer-Reverenz oder das lakonisch bittere Gedicht "Tuskegee Experiment" des Poeten Sadiq. Manchmal "marschieren" Baß und Schlagzeug in ungebrochener Frische, während Byrons Klarinette tanzt, sogar swingt und immer – denkt. Byrons Ton ist beides, vollmundig und schräg, einschmeichelnd und kühl. Und es ist die Verbindung aus klassischem Formbewußtsein und schwarzem Erbe, die seine Musik so selbstverständlich, so berührend und doch so hellwach erscheinen läßt.

Ein Musiker – bisher bei Marc Ribot, Gerry Hemingway, Greg Osby oder Bobby Previte zu hören –, der nicht nur als "Organisator von Zitaten" abzustempeln oder als Aufkleber einer "neuen" Tendenz zu gebrauchen ist, sondern schlicht und altmodisch als unverwechselbarer Künstler spielt. Wohin nun mit der CD von Don Byron?

Don Byron: "Tuskegee Experiments" Elektra Nonesuch 7559-79280-2

(Vertrieb: East West Records, Hamburg)